Oldenburg - Irgendwie könnte der Dirigent Felix Pätzold (32) die Gabe besitzen, mit Ungewohntem zu überraschen. Zum einen etwa landete er mit einer umwerfenden Spontan-Aufführung von Bachs „Weihnachtsoratorium“ in Zimmern und Fluren einer Leipziger Studenten-Wohngemeinschaft 2012 ungeplant, aber mit einem Preis bedacht, auf Youtube. Zum anderen hat er aktuell zu einem traditionellen Anlass ein Programm zum Aufhorchen entworfen. Statt auf bekannte Passionen oder Oratorien setzt der Kapellmeister am Staatstheater zu Karfreitag (19. April, 18 Uhr, Großes Haus) auf drei Stabat-Mater-Vertonungen, wenig bekannt, aber überaus abwechslungsreich und packend.
Bei Wolfgang Rihm (64) trauert die Mutter Gottes am Fuß des Kreuzes nur viereinhalb Minuten. Der Komponist lässt Sopran- und Altsolisten und den Chor nur von Solostreichern und Harfe begleiten. „Es ist eigentlich ein Stück zum mehrfachen Hinhören“, umschreibt Pätzold die klanglichen Feinheiten. „Und es schlägt einen wunderbaren Bogen zu Karol Szymanowski.“ Der polnische Spätromantiker hat 1925 ein großes sinfonischen Chorwerk verfasst, mit leicht archaischem Unterton, mit prächtig zu singenden Soli von Sopran, Alt und Bariton. „Dazu kommt die slawische Religiosität mitreißend zum Ausdruck“, sagt der Dirigent.
Franz Schuberts 40-minütiges „Stabat mater“ nennt er „eine absolute Entdeckung.“ Große Chorsätze und verkniffelte Fugen zeichnen das selten gespielte Werk des 19-Jährigen auf Klopstock-Texte aus. „Der Eingangschor könnte Hörern bekannt vorkommen“, verrät Pätzold. „Er hat neue Verwendung als Soundtrack zum Film The Killing of a Sacred Deer gefunden.“
Im Einsatz sind neben dem Staatsorchester der Opernchor und der Extrachor. Solisten sind Martyna Cymerman, Melanie Lang, Sooyeon Lee, Stephen Forster, Daniel Moon und Timo Schabel. Pätzold bewegt sich auf vertrautem Terrain. Er assistiert seit 2015 in Oldenburg auch den Chorleitern. „Zum Gesang habe ich mich schon früh hingezogen gefühlt“, sagt er. Zur neuen Spielzeit rückt er zum Studienleiter auf.
Hat diese Musik der Trauer nun etwas mit dem Jubel eines Weihnachtoratoriums zu tun? Pätzold wiegt den Kopf: „Es ist einfach erfüllend, die Lebendigkeit und Tiefgründigkeit von Musik in allen Stilen mitzugestalten.“
