OLDENBURG - Es gibt Klavier-Recitals, bei denen schon zu Beginn ein nur kleines, scheinbar entlegenes Werk ahnen lässt: das Konzert wird gut. Das Gastspiel von Olga Kern, der 33-jährigen russischen Pianistin im Kleinen Haus, war ein solches Konzert. Denn schon Schostakowitschs Präludium und Fuge c-Moll aus op. 87, nur scheinbar spröde und akademisch trocken, demonstrierten in nuce, was diese Pianistin an Qualitäten bereithält.

Und die sind ungewöhnlich genug und überragen das meiste, was man von Künstlern vergleichbaren Jahrgangs zu hören bekommt: die Fähigkeit, Stimmengeflechte auseinanderzufalten und zugleich zur Einheit zu fügen, Klangkontraste und Farbvaleurs zu entwickeln, als hätte man es mit instrumentierten Stimmen zu tun, Melodik als Geste des Ausdrucks hörbar zu machen, ihr atmosphärische Dichte zu geben, die einen Wesenskern trifft.

Das kleine schmucklose Schostakowitsch-Präludium, ernst und versonnen, rezitativisch und balladesk, wurde so unversehens als eminent russisch erfahrbar.

Bei Brahms’ Paganini-Variationen kam zu kantabler Phrasierung und reicher Schattierung des Tons noch jene stupende, brillante, oft atemverschlagende Technik hinzu, die es erlaubt, imperiale Passagen, den Glanz und die Kraft der Skalen, der Oktav-Bildungen und -Glissandi zum Klingen zu bringen, dabei sensibel und zugleich con spirito zu gestalten.

Beide „Bücher“ des eminent schwierigen Zyklus zu spielen, war für Olga Kern, selbst bei sperrigsten Stellen des Brahmsschen Klaviersatzes, kein Wagnis. Rauschender, furioser Impuls und Wiener Sentiment markieren Kontraste, die sie „spielend“ bewältigt, und was für den Überschwang der Schluss-Sätze gilt, gilt für das – offenbar ohne Energieverschleiß gespielte – Werk insgesamt: jeder Satz ist mitreißend dicht und spannungsreich „strömend“ gelungen.

Raffiniertes Kantilenen-, Passagen- und Akkordspiel, pathetisch und zart, mit oft eindrucksvollem „leggiero“-Spiel harmonierend, zeigte die Pianistin in Rachmaninoffs fünf Fantasiestücken op. 3 (nur das humorvolle „Polichinelle“ hätte man sich kapriziöser gewünscht).

Liszts grandiose „Don Juan-Reminiszenzen“ mobilisierten die Fähigkeit Olga Kerns, brillant „hingelegte“ Stimmungskontraste, mozartisch-graziöse und dämonische Bilder zu zaubern. Drei virtuose Zugaben folgten, augenzwinkernd gespielt. Das Publikum, mit Ovationen nicht geizend, war mit Recht aus der Fassung gebracht.