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NWZonline.de Nachrichten Kultur

So sieht die Vergangenheit in Farbe aus

14.09.2018

Oldenburg Die Vergangenheit ist schwarz-weiß. Fotos, die älter sind als 60 Jahre, erzählen von einem längst vergangenen Alltag, von Ereignissen, die Zeitzeugen als bedrohlich, befreiend oder belastend empfunden haben – und die wir heute in der Rückschau als epochal bewerten können oder als kurze Periode ohne nennenswerten Einfluss auf die Gegenwart. Doch diesen Momenten, die auf Papier festgehalten wurden, fehlt es in aller Regel an Farbe.

Zwar wurde schon im 19. Jahrhundert mit Farbfotografie experimentiert – durchgesetzt hat sie sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein schwarz-weißes Foto transportiert für sich genommen meistens die Botschaft: „Ich bin älter als 60 Jahre.“ Diese zwangsläufige Verbindung zwischen fehlender Farbe und zeitlichem Abstand schafft allerdings auch eine Distanz zum Motiv des Bildes. Das darauf Abgebildete ist eben lange her. Die Personen sind lange tot, ihr Wirken interessiert heute nicht mehr.

Marina Amaral gibt der Geschichte die Farbe zurück

Marina Amaral hat über 200 Bilder aufwendig restauriert und koloriert. Bild: Riva Verlag

Doch was, wenn die monochromen Aufnahmen von gestern plötzlich bunt werden? Wenn die Menschen Haut-, Haar- und Augenfarben bekommen? Häuser, Natur und Feuer so aussehen, wie sie tatsächlich ausgesehen haben? Die brasilianische Künstlerin Marina Amaral hat es im großen Stil ausprobiert: Ihr Bildband „Die Welt von gestern in Farbe“ ist jetzt im riva Verlag erschienen.

Mehr als 200 historische Fotos sind darin zu sehen. In einem aufwendigen Restaurations- und Kolorierungsprozess hauchte sie den Motiven neues, farbiges Leben ein. Und verdeutlicht dadurch, dass Geschichte immer von Menschen gemacht wurde – die aussahen wie heute. Allein die Kleidung, die Frisuren, die Umgebung hat sich geändert.

Das buch

„Die Welt von gestern in Farbe“ von Marina Amaral und Dan Jones (432 Seiten, über 200 Fotos) ist im Riva-Verlag erschienen und kostet 29,99 Euro.

Neben der digitalen Handarbeit – Photoshop diente als Werkzeug – recherchierte die 24-Jährige die Farben von Kleidern, Abzeichen, Häusern, Werbetafeln und mehr. Wo die Nachforschungen zu keinem Ergebnis führten, gab sie den Objekten in künstlerischer Freiheit ein ihrer Meinung nach passendes Aussehen. Der Grauton selbst gibt keinen Hinweis auf die Original-Farbe.

Die Bilder stehen nicht für sich allein. Der britische Journalist und Historiker Dan Jones erklärt das Zustandekommen der Fotos, gibt einen Überblick über die Zeit, in der sie entstanden und stellt darauf abgebildete Personen vor. In der Regel chronologisch sortiert, sind Fotos von den 1850er-Jahren bis 1960 zu sehen – mit beeindruckenden Ergebnissen.

Der Eiffelturm im überraschenden Rot

Besonders überraschend sind die Aufnahmen, deren kräftige Farben im Original-Bild nicht zu erahnen sind: zum Beispiel das leuchtende Rot des gewaltigen Segeldampfers SS Great Eastern, der in den 1850er-Jahren in der Bauphase abgelichtet wurde. Oder der Eiffelturm, der während seines Baus ebenfalls in rot erstrahlte.

Die Komplexität der Bearbeitung wird zum Beispiel beim Bild der chinesischen Kaiserwitwe Cixi aus dem Jahr 1903 deutlich. Die Vielzahl an Farben des Kopfschmucks und des reichlich verzierten Kleides, des mit floralen Mustern geschmückten Teppichs, der Pfauenfedern und der grotesk langen Fingernägel dürften eine Menge Arbeit gekostet haben. Der Betrachter wird dafür belohnt mit einem Einblick in die farbenfroh-luxuriöse Welt des chinesischen Kaiserhofs.

Die chinesische Kaiserwitwe Cixi im Jahr 1903. Bild: Getty Images

Thematisch werden Szenen weltbekannter Ereignisse wie der amerikanische Bürgerkrieg, der Untergang der Titanic oder die beiden Weltkriege gezeigt – ebenso wie Alltagsszenen: von der ersten elektrischen Straßenbahn Berlins, von weiblichen Badegästen, deren Bekleidung mit dem Zentimetermaß auf Züchtigkeit geprüft wird, oder von Frauen, die während des Ersten Weltkriegs in einer Rüstungsfabrik arbeiten.

Bismarck und Marx in Farbe

Sein Tod löste 1914 den Ersten Weltkrieg aus: Erzherzog Franz Ferdinand. Bild: Wikimedia Commons

Das Buch zeigt gewöhnliche Soldaten, Bauern oder einfach nur Passanten. Aber auch die Träger großer Namen der Geschichte bekommen Farbe ins Gesicht: Napoleon III., Otto von Bismarck, Karl Marx oder Leo Tolstoi, der seinen Enkeln eine Geschichte erzählt. Das letztere Motiv ist an sich schon von einer erstaunlich privaten Entspanntheit geprägt, die man von historischen Fotografien eher nicht kennt. Durch die Farbe wird der höchst private Eindruck der Alltagsszene zwischen Opa Leo und den kleinen Ilja und Sonja noch verstärkt.

Es hat einen Effekt auf den Betrachter, wenn monochrome Fotografien plötzlich farbig sind. Die Wirkung des Bildes wird dadurch verändert, das Geschehene, Vergangene rückt näher an die Gegenwart. Der Betrachter kann sich besser in die Vergangenheit einfühlen, weil er eine Welt sieht, die sich mit seinen Erfahrungen deckt: Und da ist der Nebenmann eben nicht grau im Gesicht. Kritiker der Bearbeitung sprechen eher von Effekthascherei, von einem Vandalisieren von Kunst oder einem Eingriff in die Geschichte.

Ein während der Pogrome gegen Juden vom 9. und 10. November 1938 zerstörtes Geschäft. Bild: Getty Images

Doch die Sorgfalt, mit der Marina Amaral die historischen Dokumente bearbeitet hat, und die realistische Nähe zum abgebildeten Motiv lassen diesen Eingriff als wenig dramatisch erscheinen. Zwar wirken die plötzlich farbigen Bilder teilweise wie aus einer modernen Filmszene – wodurch die Echtheit des Motivs angezweifelt werden könnte. Aber sie stehen immer im Kontext des Bildbands, dessen Thema eben das Kolorieren von Bildern ist. Und er zeigt: Auch die Vergangenheit war farbig.

Christian Schwarz
Redakteur
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2160

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