OLDENBURG - Die Zeichnung ist keine Karikatur, sondern „zitiert“ eine Darstellung aus dem 15. Jahrhundert. Gleichwohl sieht sich der Autor zu einer Erklärung gezwungen.
Von regina jerichow
OLDENBURG - Bombendrohungen, Boykottaufrufe, brennende Botschaften – die dänischen Karikaturen vom Propheten Mohammed haben die islamische Welt auf die Barrikaden gebracht. Kaum jemand, der sich den Auswirkungen dieses Konflikts und den zahllosen Diskussionen darum entziehen könnte. Schon gar nicht, wenn man in diesen Tagen selbst ein Bild von Mohammed in einem weniger ernsthaften Kontext veröffentlicht hat. Zu welchen Bedenken und Erklärungszwängen das auch fernab der Weltpolitik führen kann, zeigt das Beispiel des Oldenburgers Dr. Helmuth Steenken, der gemeinsam mit dem Künstler Klaus Beilstein ein Buch über Hodscha Nasreddin, den orientalischen Eulenspiegel, herausgegeben hat.„Vom Gottschalk des Sultans“ ist schon das zweite Buchprojekt zu Nasreddin, das der pensionierte Augenarzt gemeinsam mit Beilstein in Angriff genommen hat. Und seine Anfänge liegen lange vor dem Karikaturenstreit. Augenzwinkernd blickt Hodscha Nasreddin, dessen kalauernde Geschichten als „Nasreddiniaden“ bekannt geworden sind, vom Cover herab. In dem Buch finden sich weitere spitzbübische, leise karikierende „Beilsteiniaden“, die zu der schelmenhaften Figur aus der Zeit der Kreuzzüge und den 99 gesammelten Anekdoten passen.
Daneben finden sich aber auch mit einem angedeuteten Rahmen kenntlich gemachte Zeichnungen, die auf zeitgenössische arabische, westliche oder byzantinische Vorlagen zurückgehen, darunter ein „Bild-Zitat“ von Mohammed, der auf einem Pferd mit Mädchengesicht reitet. Anlass genug für Steenken, seiner Lesung im Oldenburger Landesmuseum für Natur und Mensch am 9. März eine Erklärung voranzuschicken, die er jetzt schon formuliert hat.
Die Zeichnung, so der 76-Jährige, könnte als Karikatur missverstanden werden. Den Ratschlag, das Bild und die entsprechende Nasreddiniade vorsichtshalber aus dem Buch zu nehmen, hat er dennoch nicht befolgt: „Meinen türkischen Freunden würde ich damit keinen Gefallen tun, und sie würden es auch nicht verstehen.“ So ein Bild müsse möglich sein – „bei uns und drüben in der Türkei“, wo Hodscha Nasreddin zu Hause war. Das sei beileibe keine Provokation, sondern diene eher der „Klärung“, ja der Entspannung im Karikaturenstreit.
Die Vorlage für die Zeichnung stammt aus dem Miradschname, dem Buch von der Himmelfahrt des Propheten. Das Werk sei im 15. Jahrhundert am Ende der Kreuzzüge entstanden, in osttürkischer Sprache verfasst und mit 61 Miniaturen geschmückt worden, erläutert Steenken. Heute befinde es sich in der Pariser Nationalbibliothek. Er selbst besitzt eine Reproduktion mit Abbildungen, die beweisen, dass Beilstein nichts „hinzugedichtet“ hat. Auch das Mädchengesicht von Mohammeds geheimnisvollem Reittier, das er für die Himmelfahrt bestiegen hat, entspricht der Vorlage.
Auch wenn für strenggläubige Moslems jede bildliche Darstellung Mohammeds verboten ist – es hat sie gegeben. „Im Koran ist kein Abbildungsverbot erwähnt“, bestätigt Mamoun Fansa, Direktor des Landesmuseums für Natur und Mensch, der kein Problem mit Steenkens und Beilsteins Buch hat. Die Zeichnung sei weder eine Erfindung noch eine Karikatur, sondern beziehe sich auf eine mittelalterliche Darstellung, sagt der gebürtige Syrer. Ein ähnliches Bild – ohne Mohammeds Gesichtszüge – sei auch in der kommenden Ausstellung „Saladin und die Kreuzfahrer“ und ebenfalls im dazugehörigen Katalog zu sehen. „Dagegen kann kein Mensch etwas haben.“ Und da müsse man eigentlich auch gar nichts erklären.
