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Npd-Aussteiger In Der Kulturetage Oldenburg Die Gefahr lauert in der 8. Klasse

Reinhard Tschapke

Oldenburg - Er ist klug und freundlich. Er ist charmant und sieht gut aus. Und er war ein Nazi und hoher NPD-Funktionär.

Maik Scheffler (44) ist ein Aussteiger aus der rechtsex­tremen Szene. Vor vier Jahren hat der Sachse die NPD verlassen, seit drei Jahren tourt er mit seinen Erfahrungen durch Schulen. 85 sollen es schon sein, sagt er stolz.

Am Freitagmittag war er Gast eines Pädagogikseminars der Uni Oldenburg und berichtete vor vollen Reihen aus Lehramtsstudenten und interessierten Bürgern in der Kulturetage – an einem sehr deutschen Tag, am 9. November.

Chaos der Wendezeit

Das kahle CineK der Kulturetage ist passend in Schwarz gehalten. Scheffler selbst trägt auch viel dunkel und referiert locker und rhetorisch brillant aus dem wohlfrisierten Kopf („ein erster Freund nach meinem Ausstieg war ein Orientale – mein Barbier“). Der Leipziger setzt auf Prävention und sieht besonders die deutschen Schüler der 8. Klassen für rechtsradikale Ideologien gefährdet.

Bündnis gegen Rechts gegründet

Fast 400 Kulturinstitutionen bundesweit haben sich zu einem Bündnis gegen Rechts zusammengeschlossen. In Berlin und anderen Städten stellten die Initiatoren am Freitag eine „Erklärung der Vielen“ vor, in der sie sich zum Engagement gegen Nationalismus und Intoleranz und für die Freiheit der Kunst verpflichten. Gerade in kleineren Orten sei der Druck von Rechts mit den Jahren dramatisch gewachsen.

Warum? „Weil erst in der neunten Klasse der Nationalsozialismus durchgenommen wird!“

Scheffler war 17 Jahre lang Extremist. Er wuchs im Chaos von Mauerfall und Nachwendezeit auf. Existenzielle Ängste wurden unter ehemaligen DDR-Bürgern kräftig geschürt. Auf dem Dorf plärrte der dumpfe Rechtsrock, „Kameradschaften“ bildeten bald etwas Halt, erfahrene NPDler sorgten für eine schleichende Radikalisierung, bald wurde er als „politischer Soldat“ rekrutiert. Zügig hat er dann ein großes Nazi-Netzwerk aufgebaut, und irgendwann ist er ganz oben gelandet – als stellvertretender Landeschef der NPD, die im sächsischen Landtag hockt.

Das war längst nicht die billige Grölerei von hirnlosen Glatzköpfen, die da agierten. Da waren, erinnert sich Scheffler, auch Intellektuelle und Geschäftsleute in der Partei.

Und wann kam der Knackpunkt?

Scheffler stieß auf das nationale Ausstiegsprogramm Exit. Sein Mentor, ein sehr hoher NPD-Funktionär, hatte zudem eine Frau übel belästigt. Folglich gab es Zweifel am Förderer und bald an der Partei. „Hinter jedem Extremisten steckt ein Mensch“, sagt er heute. Scheffler entdeckte den Menschen in sich, hinterfragte Parolen, blinden Hass und blöde Flugblätter. Er stieg aus. Plötzlich wurde es einsam um ihn. Er war eine Persona non grata. Aber er hatte Glück: Kein Reifen wurde ihm nach dem Ausstieg aufgeschlitzt, keine Schüsse blindwütiger Rächer landeten im Wohnzimmerfenster.

Kein cooler Charakter

Monatelang diskutierte er mit Präventionsspezialisten und Sozialarbeitern. Scheffler lernte, was Immanuel Kant schätzte: dass Selbst-Denken. „Ich liebe die offene, demokratische Gesellschaft“, gibt er sich aktuell gut geheilt.

Sieht er die AfD als Nazipartei, wie es manche tun, wird er aus dem Publikum gefragt.

„Vorsicht“, sagt Scheffler. „Das ist eine große Gefahr, das einfach so zu sagen.“ Allerdings sieht er einen „riesengroßen Flügel mit Nazis“ in der AfD. „Und wenn der mal die Macht übernimmt, wird es richtig gefährlich werden.“

Ist Scheffler der edle Vorzeigeaussteiger, der smarte Mann für die TV-Talkshows?

Er wirkt ein wenig so. Doch er gibt sich bescheiden. „Ich will weiter das Leben eines Demokraten lernen“, sagt er authentisch. Er versteht die Zweifel an seiner Person, bleibt da ruhig. Ihn treibt innerlich etwas an, er möchte was vermitteln: „Ich will den Nazis den coolen Charakter nehmen, die NPD ist nicht cool“, betont er. Und das ist nun wirklich, um es mit einem Lieblingswort von Bertolt Brecht zu sagen, vernünftig.

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