Oldenburg - Ist es Zufall, dass das Treppenhaus an „Donkey Kong“ erinnert? An das legendäre Videospiel der Firma Nintendo, mit dem Jugendliche seit den frühen Achtzigern digital sozialisiert wurden. Wer sich also, wie der titelgebende Held in Gestalt eines Gorillas mit braunem Fell, über die vier Level gekämpft hat, allerdings ohne fliegenden Fässern ausweichen zu müssen, den erwartet ein Paradies: das Oldenburger Computer-Museum.

Aufgestellt sind Heimcomputer und Spielkonsolen der siebziger und achtziger Jahre, in Deutschlands erstem und lange Zeit einzigem Heimcomputermuseum. Dabei ist die Art der Betrachtung und der Annäherung abhängig vom Alter: Vom „Soso“ und „Aha“ der heute 14-Jährigen bis zum „Genau so sah der aus“ und „Den hatte ich auch mal“ der damals 14-Jährigen. Aber auch die demografischen Besucher-Ränder werden bedacht – mit Wählscheibenspiralkabeltelefonen und Musiktruhen zum Plattenauflegen. Grundschüler dagegen werden einen Touchscreen vergeblich suchen.

Fürs Große und Ganze gibt es das Nixdorf-Museumsforum in Paderborn, vollgestopft mit 5000 Jahren Geschichte der Informations- und Kommunikationstechnik, sowie für die nationale Reichweite das Computerspielemuseum in der Hauptstadt Berlin. „Aber nirgendwo anders als bei uns kann man alle Exponate auch ausprobieren“, stellt Thiemo Eddiks fest, Vorsitzender des Oldenburger Computer-Museums, das seinen Grundstock in der Privatsammlung des heute 44-jährigen, gelernten Datenverarbeitungskaufmanns findet und seit November 2008 von einem gemeinnützigen Verein geführt wird.

Aus der Präsentationsmöglichkeit von 60 Quadratmetern in der Neuen Straße 2 sind seit dem Umzug in ein leerstehendes Geschoss des ehemaligen Postverteilzentrums am Bahnhof 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche geworden. Und das war auch dringend nötig: Im zehnten Jahr ist die Anzahl der Rechner, Monitore und Mäuse, aber auch der Floppy Disks (3 Zoll bis 8 Zoll), Modems, Akkustikkoppler (Spottname „Datenföhn“), Joysticks, Platinen und Laufwerke sowie vieler weiterer Komponenten auf über 2000 gestiegen.

Ganz genau kennt Eddiks die Zahl nicht, weil ihm und den ehrenamtlich tätigen Mitgliedern wie Michael Rathje und Jens Zurawski im OCM einfach die Zeit zur Inventarisierung fehlt. Dafür stehen sie alle viel zu gerne mit ihren Besuchern zwischen blinkenden und fiependen Plastikgeräten, auf denen „Pac Man“ oder „Space Invaders“ läuft, und erklären die Heimcomputerwelt. Dabei geht es nicht nur ums Daddeln: „Wir veranstalten Workshops und Vorträge zu den Themen der Ausstellung, wie zum Beispiel BASIC-Programmierung, DDR-Rechner oder Pixel Art für unterschiedliche Altersgruppen.“

DDR steht übrigens für Double Data Rate, und nicht synonym für die Computer des legendären ostdeutschen Unternehmens Robotron, die es aber auch zu sehen gibt.

Spannend ist die audiovisuelle Begegnung der dritten Art auch für angehende Abiturienten von heute, so wie für die des Leistungskurses Informatik am Gymnasium Eversten Oldenburg (GEO). Die 17-, 18-Jährigen können sich nicht wirklich erinnern an ein analoges Zeitalter ohne Internet (gibt’s seit den frühen Neunzigern), iPhone (seit 2007) und Übertragung ohne Bluetooth. Trotzdem bereitet ihnen die Abendschule mit Lehrer Horst Rettberg großen Spaß. „Das ist hier eine tolle Sache“, sagt der 17-jährige Joshua, der im nächsten Jahr Abitur machen wird und dann studieren will. „Aber nicht Informatik, eher Maschinenbau.“ Einige haben wir er schon reichlich Erfahrung im Programmieren.

Die zehn Schüler und ihr Lehrer sind sehr angetan von der chronologisch aufgebauten Ausstellung, die Ikonen aus den Jahren 1972 bis 1990 umfasst, darunter natürlich C64 und Amiga 500, aber auch „digital pdp8“, „Commodore PET“, den „Apple II“, „Sinclair ZX81“ und den „Atari 800XL“. Außerdem finden sich wichtige Spielkonsolen, Computerexoten und Fachliteratur in den Regalen. „Es gibt hier viel zu sehen und zu erleben“, bestätigt Eddiks. „Trotzdem haben wir die Geräte eher luftig aufgebaut, mit Platz nach links und rechts“. Da könnten sich Besucher in kleineren Gruppen an den Stationen länger aufhalten. „Wir wollen, dass sich unsere Gäste hier wohlfühlen.“

Ein weiterer Bereich ist Arcade-Automaten und Flippern vorbehalten, der zu bestimmten Terminen geöffnet wird. „Hier geht es ebenfalls nicht nur ums Spielen, sondern auch um den Erhalt einer bestimmten Spiele- und Technikkultur, die auch Auswirkungen auf die Entwicklung der Heimcomputer hatte.“ Auch diese Events kommen sehr gut an. Manchmal gibt es ein Konzert oder eine Lesung.

Mit drei Stunden Öffnungszeit an jedem Dienstag sowie einigen Sonderterminen sei die Verfügbarkeit aber deutlich ausbaufähig, räumt Eddiks ein. Wie in den meisten ehrenamtlichen Initiativen und Vereinen fehle es an freiwilligen Helfern. „Wir suchen noch dringend Mitstreiter für die anfallenden Jobs hier. Und dafür sind keine außergewöhnlichen Computerkenntnisse nötig.“

Im zehnten Jahr genießt das OCM durchaus große Wertschätzung von Unterstützern und Förderern, mit deren Hilfe der Umbau der leerstehenden Post-Etage und die Bestandspflege realisiert werden konnte. „Darüber hinaus verstehen wir uns als ein Teil der Oldenburger Kulturlandschaft und möchten diese auch aktiv mitgestalten und uns deswegen nicht nur im musealen Kontext bewegen, sondern die Räume für weitere kulturelle Veranstaltungen öffnen“, so Eddiks. „Das sind dann eben Lesungen oder Konzerte und auch mal ein Theaterstück, die inhaltlich nicht im Kontext der Ausstellung stehen (müssen).“

Die Präsentation ist in ihrer Art eben etwas Besonderes und genießt überregionale Strahlkraft. „Diese Hands-on-Ausstellung gibt es bundesweit nur hier: Die Geräte der Dauerausstellung sind immer funktionsbereit und mit Software ausgestattet; sie können benutzt, erforscht und erlebt werden“, sagt Eddiks.

Das hat auch die Fachgruppe „Ausstellung und Museen“ der Gesellschaft für Informatik erkannt. Sie wird im Januar zu ihrem Arbeitstreffen in den Räumen zu Gast sein. Mitglieder dieser Fachgruppe sind die beiden Vorstandsmitglieder des OCM, Katrin Gross und Thiemo Eddiks. Mit dabei ist auch Horst Zuse, selber renommierter Informatiker, zudem Sohn des Erfinders und Erbauers des ersten funktionsfähigen Computers der Welt. Und diese Tatsache wirkt wie der Ritterschlag für das junge Oldenburger Museum mit seinen knapp 180 Mitgliedern.

Die Führungen, so Eddiks, sind individuell gestaltbar, je nach Branche, Ziel und Interesse. Auf Wunsch wird spezifisch auf kulturelle, gestalterische, wirtschaftliche oder technische Details eingegangen. Auch wenn im OCM Anfänge und Entwicklung der Homecomputer im Vordergrund stehen, lasse sich vielfältig darstellen, welchen Einfluss diese Geräte auf unsere Gesellschaft hatten und noch haben werden.

Alles in allem verhält es sich mit dem Oldenburger Computer-Museum wie mit der berühmten Kinder-Überraschung: es macht Spaß und ist spannend. Und statt der Schokolade hält der freundliche Mitarbeiter am Ausgang einen Lolli bereit. Wer übrigens Probleme hat mit dem „Jump’n’Run“ ins vierte Obergeschoss, muss nicht über die Leiter klettern, sondern kann im Postgebäude bequem den Fahrstuhl nehmen.

Oldenburger Computer-Museum

Bahnhofsplatz 10

26122 Oldenburg

im 4.OG des Postgebäudes am Hauptbahnhof

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)