Oldenburg - Als der tschechische Librettist Jaroslav Kvapil im Jahre 1899 seine Ferien auf der Insel Bornholm verbrachte, kam ihm Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ in den Sinn und er beschloss einen Operntext zu schreiben, der sowohl Motive dieses Märchens als auch anderer Volkssagen vereinte und dabei aber einen typisch tschechischen Charakter aufweist. Es entstand mit der Musik von Antonín Dvořák „Rusalka“, die heute zu den bekanntesten tschechischen Opern zählt.
Rusalka ist im slawischen Sprachraum ein Begriff für eine spezielle Art von Seejungfrau. „Es ist eigentlich eine negative Figur“, erklärt Regisseur Hinrich Horstkotte, der die Oper nun am Oldenburgischen Staatstheater inszeniert. „Es sind sich aus Liebeskummer ertränkt habende Frauen, die sich in Geister verwandelt haben und Männern am Wegrand auflauern, um diese ins Moor oder einen Waldsee zu locken. Es handelt sich also um die Personifikation der Bedrohung, die durch die Natur ausgeht.“
Kvapils und Dvořáks Geschichte wird allerdings mit viel Sympathie für die Naturwelt erzählt. Aus Liebe hegt die Rusalka den Wunsch, menschlich zu sein. Im Tausch gegen ihre Stimme verleiht ihr eine Hexe ein menschliches Antlitz. Der angebetete Prinz verliebt sich zunächst auch tatsächlich in die Rusalka, doch ihr ungewöhnliches, wenig menschliches Verhalten steht ihr im Weg und kurz vor der Hochzeit wendet sich der Prinz einer anderen Frau zu. Eine Rückkehr ins Geisterreich wird ihr verwehrt und ein dramatisches Ende bahnt sich an.
Horstkotte verlegt die Handlung seiner Inszenierung von der Geisterwelt aus der Tiefe des Waldsees in die Tiefen und Höhen der Gesellschaft in Prag um 1900. „Dort haben wir andere Bilder gesucht, die die Unüberwindlichkeit der verschiedenen Schichten darstellen. Eine, die von unten hochkommt. Aus einem Umfeld, das eigentlich der Morast ist, auf dem eine Stadt wie Prag gebaut ist, nämlich die Allerärmsten, wie Prostituierte, Schausteller und Bettler“, sagt Horstkotte. Die Figur der Hexe wird hier als „Puffmutter“ zum Bindeglied zwischen den feinen Herrschaften und den armen Gestalten, die sich nur selber verkaufen können, um ein wenig Geld zu verdienen. Die Rusalka arbeitet in einer Art Abnormitätenschau, in der sie wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens als Seejungfrau angepriesen wird.
Horstkotte zeichnet auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich und konnte bei diesem Ambiente mal wieder seine ganze Fantasie spielen lassen. Dabei war ihm vor allem wichtig, dass auch die Romantik nicht zu kurz kommt. „Ich muss zugeben, es ist mein Bestreben, dass man Romantik bekommt, weil die Musik auch diktiert, dass das sehr wichtig ist… Sagen wir mal so: Oberstes Gebot ist, dass die Leute weinen!“ Dramaturgin Annabelle Köhler kann das nur lachend bestätigen: „Das machen wir alle schon in den Proben.“
