OLDENBURG - Wenn der Komtur zu Beginn in einem karnevalesk mit Luftballons ausgestatteten Kämmerchen erschossen wird und reglos sitzen bleibt, wenn Don Giovanni (hier weder Edelmann noch Feudalherr) sich am Ende von oben abseilt und statt zur Hölle zu fahren trivial und ohne Flammenzauber in einer Seitenloge verschwindet – dann weiß man, in welche Richtung die Inszenierung der Mozart-Oper von Freo Majer zielt: in keine.
Dabei hat sich Majer, der das Werk zum Spielzeit-Auftakt im Großen Haus des Staatstheaters herausgebracht hat, viel einfallen lassen. Hat ahnen lassen, wie sich in diesem unendlich vieldeutigen Stück nicht allein Tragödie und Komödie, sondern auch die Persönlichkeiten von Darstellern und Rollen in Annäherung, Distanzierung, ironischer Brechung durchdringen.
Bei Majer kommen Komödien-Mechanik und Totentanz-Statuarik (diese mit dekorativ-ironischem Zuschnitt) zu ihrem Recht. Mit Orchestergruppen auf der Bühne, die man optisch so konsequent eingesetzt selten sah, hat er die gesellschaftliche Funktion der Musik gerade in diesem Stück bedeutungsvoll unterstrichen. Und auch allerhand Harlekinartiges und, werkgerecht eingesetzt, Anleihen bei Trivialmustern der Commedia dell’arte sind der Inszenierung nicht fremd.
Bei der Personenregie hat Majer, mit psychologischem Spürsinn, in engsten Spielräumen eines sechsteiligen Motel-/Baukasten-/Schachtelgebildes (Bühnenbild: Barbara Steiner) viel Fantasie walten lassen. Ein Gebilde, das einerseits eine kinetische Vielfalt grotesker, burlesker, die aufgemischte Gesellschaft zeigender Auftritte zulässt, andererseits aber das Spielfeld kleinteilig segmentiert und bedenklich verengt.
Damit hängt auch zusammen, dass diesem Spiel, bei allem oft derben Witz, aller turbulenten diffusen Aktion, aller intelligent eingestreuten Symbolik und Wucht der Gefühle doch eines fehlt: die Weitung in eine metaphysische Dimension.
Den Don Giovanni, diesseitiger und behänder, von neurotischer Unrast geprägter Verführer, als Gestalt genauer zu orten, fällt deshalb schwer, auch wenn ihn Paul Brady mit sehr prägnantem, beweglichem, sicher geführtem Bariton singt.
Spielerisch und wuchtig zugleich in der Stimme, komödiantisch alert in einem Spiel, das für skurrile Verkleidungs- (und nahezu Entkleidungs-) zeremonien herhalten muss, gab sich Derrick Ballard als Leporello.
Daniel Ohlmann, obwohl leicht indisponiert und in der Höhe begrenzt, stand seine Ottavio-Partie trefflich durch und fiel im Piano durch interessante Tenorfarben auf.
Allesamt ausstrahlungsstark und charaktervoll, bei allem unterschiedlichen Timbre plastisch artikulierend die rächenden Damen: Kerrie Sheppard als untadelige Donna Anna, Elisabeth Starzinger als „hysterisch Leidende“, vokal virtuos pointierende Donna Elvira, Mareke Freudenberg als herzhafte, wandlungsreiche Zerlina.
Prägnant in Stimme und Spiel, als nur scheinbar tumber Masetto: Henry Kiichli. Den Komtur sang Andrey Valigulas angemessen markant. Bettina Schürmann sorgte für fantasievolle Gegenwartskostüme.
Thomas Dorsch, der neue Musikalische Oberleiter, hatte das Orchester, das ihm inspiriert folgte, fest in der Hand. In der Diktion könnte noch einiges flüssiger, im Klang verfeinerter, in wichtigen Forte-Piano-Kontrasten präziser ausfallen.
Karten: 0441/22 25 111
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