OLDENBURG - Hand hoch! Wer hätte lieber mehr originalen Joseph Haydn in seiner Oper „Die Welt auf dem Mond“ gehört? Oder wer zöge eine noch stärkere musikalische Bearbeitung durch Günter Steinke vor? Weist der starke Schlussbeifall nach der Premiere im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters am Ende eher auf eine geglückte Vereinigung der klassischen mit der modernen Lesart hin?
Thomas Dorsch, der Musikalische Leiter, und Sebastian Ukena, der das auf knapp zwei Stunden komprimierte Werk inszenierte, würden wohl nach jeder Frage erhobene Hände zählen. Die Musik führt große Stärken ins Feld, die Regie durch ihre Zielstrebigkeit ebenso. Das Libretto hingegen – ach, das ist ein anderes Thema.
Mond als Partyzone
Der Stoff ist klassische Klamotte. Der geldverliebte Unternehmer Bohnsack lehnt seine Schwiegersöhne in spe als unstandesgemäß für seine Töchter ab. Ein Erfinder im Stile von Daniel Düsentrieb, der im Opernhaus in Esterhazy 1777 natürlich noch nicht so hieß, transferiert flugs alle Personen und Verwicklungen zwecks Problemlösung durch Heirat auf den Mond. Der wird dann zur Partyzone.
Auf dem weiten Weg verfranzt Ukena sich nicht. Die Figuren passen zwar in den konventionellen Bauplan einer höfischen Oper. Aber hier gewinnen sie menschliches Profil, werden Emotionen plastisch ausgedeutet. Kleine Banalitäten decken nicht die Abgründe und Aufschwünge zu. Die Regie wagt nichts Verrücktes, aber sie trifft den Kern.
Dazu spielt ihr die Musik passgenau in die Hand. Nachschöpfer Steinke, Kompositions-Professor in Essen, hat sich nicht mit der Streichung der ausufernden Rezitative begnügt. Die Beibehaltung fast nur der schönsten Arien provoziert auch kein vordergründiges „Best of Haydn“.
Er hat vielmehr die traditionellen Typologien vom seriösen Liebespaar bis zur listig-schlauen Dienerschaft vertieft. So zieht in Flaminias Klage „Einmal war ein Morgenstern“ durch die Reduzierung auf vier Instrumente dezent ein Gefühl von Einsamkeit ein.
Knalleffekte auskosten
Die Musik verfärbt und verfremdet sich über Glissando-Effekte und Schlagzeug-Unterstreichungen bis hin zu Clustern, je skurriler die Handlung wird. Verblüffender Weise aber bleibt der Grundton Haydn, trotz anderer Ausleuchtungen. Und das ist auch der Duktus, den Dorsch und das reduzierte Staatsorchester seitlich der Bühne so nuancenreich und mitreißend aufnehmen.
Fast mozartscher Schwung und ein effektvolles Finale sichern den Erfolg auch für das Sängerensemble. Es vermag Knalleffekte ebenso auszukosten wie zarte Inständigkeit: Sarah Papadopoulou (Clarice), Lisa Carlioth (Flaminia), Verena Allertz (Lisetta), Daniel Ohlmann (Astradamus), Paul Brady (Ernst), Thomas Burger (Chicco). Besonders profiliert und präsent wirkt Derrick Ballard (Bohnsack). Alternativ wird Henry Kiichli diese Rolle gestalten.
Verdacht keimt auf
Ach ja, der gesprochene Text. Schon Haydn hatte nie Glück mit seinen Librettisten. Ob Wolfgang Deichsel ihn mit seinen Reimungen animiert hätte: „Der erste Mensch setzt auf den Mond ein Bein, doch mich kennt hier kein Schwein“. Oder: „Nur aus Liebe setzt es Hiebe“. Da keimt ein Verdacht auf. Sollte diese Klempnerei und Dichterei etwa Persiflage sein? Falls Ja: Bitte Hand hoch!
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