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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Geschichte eines Revoluzzers mit Krawatte

15.08.2019

Oldenburg 35 000 Briefe, schätzt der Oldenburger Philosophieprofessor Matthias Bormuth (56), hat Karl Jaspers geschrieben. Etwa 3000 davon wurden bisher ediert. 68 davon hat Bormuth jetzt in einem feinen Band mit dem Titel „Leben als Grenzsituation“ herausgegeben, eingeleitet und Brief für Brief jeweils kurz einführend kommentiert. Der Band ist nicht nur für das Fachpublikum gedacht. Es ist eine Biografie in Briefen, ein Band, der Philosophie in Lebenschichten präsentiert – und zwar sehr lesenswert.

Das Buch spielt mit dem für Jaspers wichtigen Begriff „Grenzsituation“. Das trifft in vielen Bereichen auf den aus Oldenburg stammenden Philosophen (1883–1969) zu. Sein Leben lang litt er an einer Lungenkrankheit. Politisch kann man ihn weder rechts noch links so richtig einordnen. Und die Frankfurter Schule um Adorno konnte nicht viel mit Jaspers anfangen – er blieb ein Einzelgänger.

Kapseln mit Zyankali

Er war ein gelernter Psychiater und galt bald als wichtiger Philosoph. Auch persönlich musste er sich in Grenzsituationen bewähren, um in seiner Sprache zu bleiben. Etwa, als die Nationalsozialisten drohten, ihn und seine jüdische Frau in ein KZ zu deportieren. Die Kapseln mit Zyankali hatte er sich schon besorgt, doch zum Glück befreiten die Amerikaner im April 1945 Heidelberg und damit den längst von der Uni relegierten Professor.

Matthias Bormuth, der auch das Oldenburger Japsers-Haus leitet, zeigt anhand der Briefe, dass der Philosoph, der bald nach dem Zweiten Weltkrieg nur zu gern in die Schweiz wechselte, bis zum Schluss ein entschiedener deutscher Denker geblieben ist. Das erstaunt, wenn man bedenkt, wie schlecht ihn Deutschland behandelt hatte. Jaspers blieb ein wacher politischer Kopf und besonders im letzten Lebensjahrzehnt ab Ende der 50er Jahre reifte er zum Revoluzzer mit Krawatte.

Er nahm öffentlich zu den Notstandsgesetzen oder zur deutschen Einheit Stellung. Er verteidigte den jungen Rolf Hochhuth gegen Kritik am Anti-Papst-Drama „Der Stellvertreter“. Er korrespondierte mit Hannah Arendt, die den Prozess gegen Eichmann in Jerusalem verfolgte. Und er pochte auf die Pressefreiheit, die er besonders in der „Spiegel-Affäre“ bedroht sah.

Die Droge

Jaspers genoss in seine späten Jahren die „Droge Öffentlichkeit“. Er war im Radio und im Fernsehen präsent, in Zeitungen und Zeitschriften. Er schrieb wie ein Pädagoge Werke für das allgemeine Publikum.

Bormuth über den späten Jaspers: „Der war wie Rudi Dutschke, so revolutionär“. Jaspers hing der Idee des mündigen Bürgers an. Er dachte quer und kosmopolitisch – kein Wunder, dass ihn die deutsche Schulphilosophie eher misstrauisch beäugte. Eine Art Schule hat Jaspers nie begründen können. „Er taugte nicht fürs Kopieren seiner Idee“, mutmaßt Bormuth. Und nicht nur in den ausgewählten Briefen zeigt sich, was Jaspers grundsätzlich ausmachte: die Einzigartigkeit eines Außenseiters.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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