OLDENBURG - Der Neumünsteraner studierte vor der Musik erst Jura. Der 44-Jährige widerlegt auch Vorurteile gegen Tenöre.

Von Horst Hollmann

OLDENBURG - Blondinen und Tenöre erregen besondere Aufmerksamkeit. Spötter schreiben das einer prickelnden Kombination von Attraktivität und Dummheit zu. Natürlich kennt Thorsten Scharnke solche gelegentlich üble Nachrede. Und der neue Oldenburger Tenor für das heldische Fach kann darüber herzlich schmunzeln.

Der 44-Jährige sieht nicht nur dienstlich hinter die Kulissen. So hat er sich auch über Luciano Pavarotti, der angeblich das Vorurteil über den niedrigen Intelligenzquotienten bei Sängern der hohen Töne so schön bestätigt, seine Meinung gebildet. Kann der Italiener wirklich kaum Noten lesen? Vergisst er seine Texte? „Da sind Geschichten entstanden und weitergesponnen worden“, sagt Scharnke. „Aber da wird Pavarotti falsch eingeschätzt.“

Bei Scharnke verschätzt sich niemand. Man muss gar nicht wissen, dass der gebürtige Neumünsteraner Gesprächskreise von hochintelligenten Menschen leitet. Schon wenn er über die Gestaltung seiner Rollen parliert, blitzen Hintergrundwissen, Gründlichkeit, Neugier und Unternehmungsgeist auf. Der „Bacchus“ in „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss hat ihn neu ans Oldenburgische Staatstheater geführt. Er besticht darin mit klanglicher Fülle und Wärme sowie einer energischen Gespanntheit, die eher zu angenehmer Süße als zu kühler Metallschärfe neigt.

Ein volles Jura-Studium hatte Scharnke abgeschlossen, teilweise durch Posaunenspiel finanziert, ehe er sich für eine professionelle Musikausbildung entschied. Das Ereignis, das Sänger Scharnke den Weg wies, sieht Jurist Scharnke eher naserümpfend. „Bewusste Fahrlässigkeit“ nennt er die Aktion eines Hamburger Kantors: „Der fragte mich in einem Oratorium von Fanny Mendelssohn: Haste nicht Lust, eine Solopartie einzuüben, falls mal der Sänger ausfällt?“ Erst war Thorsten Scharnke „furchtbar geschmeichelt“, dann aber ebenso erschrocken ob „der fünf hohen Bs und anderer Schikanen“. Natürlich wurde der vorgesehene Sänger krank, der Ersatz schlängelte sich irgendwie durch – und hatte fortan Feuer gefangen.

Bei William Workman in Hamburg hat Scharnke seine Gesangsausbildung erhalten, und bis heute ist der Professor sein Berater geblieben. Er hat seinen Schützling offenbar sehr sorgfältig aufgebaut. So hat denn Scharnke sich viele der großen Tenorpartien erarbeitet und an deutschen Bühnen verkörpert. Das sind Brocken, die der Tenor mit dem Satz beschreibt: „Da geht man in einen Bereich, in dem es weh tun kann.“

Es ist auch der Bereich, in dem sich der Mythos dieser an sich unnatürlichen Stimmlage festigt. „Wenn jemand hohe Töne inszeniert, dann hat das etwas Mitreißendes, Erregendes“, sagt Scharnke. Und bei betörenden Tenören legt sich dann auch ein erotischer Schleier über die Stimme. „Der Bass“, führt der Tenor dagegen an, „hat etwas Väterliches. Im Oratorium ist Jesus immer ein Bass.“

Die Oldenburger Bühne hat für Thorsten Scharnke nicht nur wegen des aktuellen Engagements besondere Bedeutung. „Mein erster Gastvertrag hat mich vor 14 Jahren schon einmal hierher gebracht“, erinnert er sich, „als eines der drei alten Weiber in Wolf-Ferraris ,Il Campiello’.“ Seine nächste Aufgabe ist dagegen von anderer Wucht: In der kommenden Spielzeit singt er in Oldenburg den Tannhäuser.

Eine Frage noch, Herr Scharnke: Es gibt so viele Blondinenwitze. Warum gibt es so wenige Tenorwitze? „Es gibt Dinge, über die macht man keine Witze“, sagt der Tenor und amüsiert sich.