OLDENBURG - Die Recycling-Wirtschaft hat in Deutschland Zukunft, trotz Risiken. Die sicherste Erfolgsmethode hat Franz Wittenbrink ausgeklügelt. Der Hamburger recycelt Musik.

Rechtzeitig beteiligt sich das Oldenburgische Staatstheater am Umsatz. Die wirtschaftliche Prognose: „Mütter“, ein „Liederabend mit Musik“ wird im Kleinen Haus ein Kassenschlager!

Einen Spielplatz liefert die Spielstätte. Vier Mütter treiben ihre Kinder oder lassen sie treiben, beobachtet von einer meist dezenten Dame.

Schnell öffnen sich Abgründe. Michael Uhl zielt bei seiner Inszenierung sehr fein darauf ab zu zeigen, wie konform oder konträr sich die lieben Kleinen zu den Charakteren ihrer Sorgenmamis, Karrieremamis, ungewollten Mamis oder Supermamis entwickeln.

Wittenbrink lässt seine bösen Geschichten nicht einfach gut erzählen. Er lässt seine Akteure böse Texte zu guten Liedern und gute Texte zu bösen Liedern singen.

Das begeisterte Publikum kennt die Vorlagen, oder wenigstens Fetzen davon. Udo Lindenberg, Joe Cocker, die Beatles sind dabei.

Reinhard Mey pflanzt sein „Apfelbäumchen“, Funny van Dammen steuert ihr „Nana-Mouskouri-Konzert“ bei. Das haut ebenso rein wie „Schläge in die Fresse“.

Spätestens bei „Papa was a Rolling Stone“ zucken die Zuhörer verzückt mit. Die Hitparaden der Jahrzehnte liefern reichlich Recyclingmaterial. Objektiv gesehen fällt vieles in Rubriken wie Schnulze oder abgedroschenes Klischee. Subjektiv hingegen wirken Auswahl, Verarbeitung und Mischung elektrisierend.

Franz Wittenbrink hat ein Genre entwickelt, das ein Viertel Kabarett, ein Viertel Revue, ein Achtel Musical, ein Achtel Show und ein Viertel ironisches Lehrstück ist.

Über allem gibt es einen Beweis für die Geschmackssicherheit des Arrangeurs: Er schließt Heintjes „Mama“ von der Wiederverwertung für „Mütter“ aus!

Der eigentliche Hit dieses Abends ist in Oldenburg aber die Umsetzung durch die Mitglieder des Opernchores. Die Mütter Friederike Hansmeier, Annekatrin Kupke, Verena Allertz und Gabriela Heesch und ihre Söhne Alwin Kölblinger, Sandro Monti, Andreas Lütje und Stefan Vitu sind in Darstellung und Gesang grandiose Typen.

Gleiches gilt für Gitta Pamin-Jensen als Dame. Jason Weaver (Piano) und Fritz Knipper (Gitarre) treiben musikalisch voran.

Der Beifall hält so lange an, dass sogar die geplanten Zugaben ausgehen. So lauschen am Ende noch alle gebannt einem hintersinnig-schlichten Volkslied.

Karten: 0441/22 25 111

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