OLDENBURG - Schon viele Choreografen haben sich an diesen Klassiker gewagt. Die Besonderheit der Oldenburger Interpretation: Beide Fassungen von Igor Strawinskys Musik sind zu hören.

Von Regina Jerichow

OLDENBURG - Pfiffe gellten durchs Parkett, Buhrufe übertönten die Musik, Leute brüllten Beleidigungen, und als ihnen die Argumente ausgingen, galt das Faustrecht. Folgen eines überdurchschnittlich erregenden Boxkampfes? Mitnichten: Es handelte sich um Vazlav Nijinskys Uraufführung von „Le Sacre du printemps“ im Paris des Jahres 1913 – der vermutlich größte Theaterskandal aller Zeiten. Das Stück, das mit sämtlichen Hör- und Sehgewohnheiten des Publikums brach, verschwand anschließend flugs in der Versenkung. Igor Strawinskys Musik galt lange Zeit als unspielbar.

Heute gibt es kaum einen Choreografen, der sich nicht irgendwann an eine Neuinszenierung dieses Klassikers der Tanz- und Musikgeschichte gewagt hätte. Prominente Künstler wie Martha Graham, John Neumeier, Johann Kresnik, Mats Ek und Hans van Manen haben sich schon daran versucht.

Martin Stiefermann, Chef der Tanzkompanie Oldenburg „MS Schrittmacher“, ist da keine Ausnahme. „Seit ich mich in der Tanzwelt bewege, bin ich von diesem Werk, diesem Mythos, fasziniert“, sagt er. Es sei seine „heilige Kuh“, auf deren Schlachtung er lange gewartet habe.

Das Warten könnte sich gelohnt haben, denn schon musikalisch handelt es sich um eine Premiere der besonderen Art. Erstmals in der Aufführungsgeschichte von Strawinskys Werk sind beide Versionen des Komponisten an einem Abend zu hören: im ersten Teil die Klavier-, im zweiten die Orchester-Fassung. Zwar sei es die gleiche Partitur, begründet Stiefermann sein Konzept, habe aber eine völlig andere Qualität: „Das ist sehr spannend.“

Nijinskys Original-Ballett erzählt von einem russischen Frühlingsritual mit kultischen Tänzen. Am Ende opfert sich ein Mädchen für die Fruchtbarkeit der Erde, indem es sich wie in Trance zu Tode tanzt. Das Opfer-Thema hat auch der Oldenburger Tanz-Chef umgesetzt – aber viel allgemeiner und vor allem nicht ohne einen Täter.

„In unserer Deutung betrachten wir die Verhaltensweisen sowohl von Opfern als auch von Tätern, und zwar getrennt voneinander“, erläutert Stiefermann. Da beide nie zusammenkommen, erreicht er eine Abstraktion, die über konkrete Situationen und Individuen weit hinausweist. Ihm gehe es um Grundprinzipien wie Macht und Ohnmacht, um Agieren und Reagieren, sagt der Choreograf, quasi um die Essenz von Verhaltensweisen.

Dass das mit der täglichen Gewalt in unserer Zeit viel zu tun hat, versteht sich für Stiefermann von selbst – „man muss ja nur das Fernsehgerät einschalten“. Eine Lösung, ein Fazit, gar von moralischer Natur, bietet er allerdings nicht. Das klinge ihm doch zu sehr nach Volkshochschule. Da muss der Zuschauer schon selber ran.

Die Premiere ist am kommenden Sonnabend, 22. Oktober, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters. Das Orchester spielt unter der Leitung von Olaf Storbeck. Karten unter

Tel. 0441/22 25 111