• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Die Milde eines Wendehalses

06.05.2019

Oldenburg Ätna und Vesuv liegen ein Eckchen von Rom entfernt. Doch manche Erschütterungen fühlten sich im Zentrum des Römischen Reiches auch wie Vulkanausbrüche an. Da reichten, laut Vorlage der Oper „La clemenza di Tito“, im Jahr 79 nach Christus Rachsucht und Eifersucht einer verschmähten Frau, um das Kapitol und Herrschaftsstrukturen in Schutt und Asche zu legen. Passend dazu lodern in Wolfgang Amadeus Mozarts Musik fast drei Stunden im Großen Haus des Staatstheaters die Flammen.

Die von Hendrik Vestmann angetriebene Musik bildet den ganz starken Teil der mit gutem Beifall bedachten Neuinszenierung von Mozarts letzter und lange verkannten Oper. In der Inszenierung gliedert Laurence Dale zwar das Geschehen übersichtlich. Die Bühnendarstellung ist gut verträglich, aber sie scheut innovatives Risiko. Der einstige berühmte Mozartsänger und inzwischen vielseitige Regisseur belebt einnehmend die 1791 in den letzten Zügen liegende alte Gattung der Opera seria. Doch eine visionäre Idee, ob und wie Verstehen und Verzeihen anstelle von Gewalt und Gegengewalt gesellschaftlich weiter wirken könnten, zeichnet er weniger stringent. „Titus“ birgt mehr subversives Potenzial.

Für die Eruptionen sorgt Vitellia, die Tochter von Kaiser Vitellius. Sie stiftet den seelisch zerrissenen Sextus, der sie abgöttisch liebt, zum Attentat auf den neuen Kaiser Titus an, von dem sie sich gedemütigt fühlt. Der überlebt den Anschlag. Die beiden gestehen ihre Tat, worauf Titus ihnen verzeiht. Der war eigentlich mal ein Feldherr, der die Juden aus Jerusalem vertrieben hat. Sein Lebenswandel wird als enorm halbseiden beschrieben. Dann muss er zum Wendehals geworden sein, zum beliebten Regenten. Hat er das Verzeihen zur Taktik gemacht, damit sein Volk ihm verzeiht?

Die Bühne von Matthias Kronfuß wechselt geschickt zwischen Ferne und Nähe. Mit Spiegelungen und Entspiegelungen, mit Wänden und Öffnungen, mit Videosequenzen trennt er hinten Volksaufmärsche von den persönlichen Seelendramen vorn. Hinten werden die Verletzten aus den Kapitol-Ruinen geborgen, vorn werden persönliche Trümmer geordnet. Immer wieder greifen diese Welten ineinander.

Schade, dass Regie und Bühne die Ouvertüre nicht einfach als musikalische Visitenkarte akzeptieren, sondern den Vorhang schon als unruhige Projektionsfläche nutzen. Aus dieser Unart ist im Opernbetrieb längst ein Standard geworden.

Die einstige Opera seria war ein Jahrhundert lang eine hochgeschätzte Kunstform. Die Gattung verlangt, dass über alle persönlichen Dramen hinaus die Akteure Haltung bewahren. Damit erzeugen das agile Staatsorchester und die Sängerinnen und Sänger geradezu elektrisierende Innenspannung. Die Feinarbeit steckt schon in den vorwärts treibenden Secco-Rezitativen. (Cembalo: Akiko Kapeller). Sie festigen die Form, befeuern aber trotzdem das Chaos der Gefühle. Das Orchester tönt jede Feinheit ab, von den famosen Naturhörnern bis zu den warmen Grundierungen der Klarinetten. Unter Vestmanns Dirigat vibriert die Musik. Er kann sie vor sich hertreiben. Er lässt sie expressiv aufbrausen, doch er adelt immer die lyrische Sphäre. Zudem entwickelt er ein wunderbares Gespür und Atem für die beredten Pausen.

Narine Yeghiyan (Gast von der Staatsoper Unter den Linden) als Vitellia gleicht selbst schon einem Vulkanausbruch. Ihr Sopran durcheilt alle Höhen, bis sie auch mal im Ohr klingeln, bis hinab zu sicher gehaltenen tiefen Lagen. Ann-Beth Solvang (Sopran) geht als Titus-Vertrauter Sextus auf Schleuderfahrt durch Gefühlsabgründe. Dabei fasziniert ihr Bewahren der äußeren Standhaftigkeit. Bei Philipp Kapeller (Tenor) erhält der Titus ein klares Profil. Großartig wirkt sein innerer Kampf zwischen emotionalem Chaos und aufklärerischer Vernunft. Martyna Cymerman (Sextus’ Schwester Servilia), Erica Back (Sextus’ Freund Annio) und Ill-Hoon Choung (Präfekt) ergänzen das Triumvirat ohne Abstriche.

Bei den sprichwörtlichen Zuständen wie im alten Rom wäre eine solche Staatsführung natürlich völlig aus der Zeit gefallen. Aber Oper schafft eben alles.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.