OLDENBURG - Kay ist eine Herausforderung – mal schön, klug und witzig, verwandelt sie sich in ihren schlechten, dunklen Phasen in ein wütendes Ungeheuer mit einem enormen (Selbst-)Zerstörungspotenzial. Kay ist die Hauptfigur in dem Stück „Polar Bears“ des britischen Bestsellerautors Mark Haddon, das am Donnerstagabend im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters seine deutsche Erstaufführung erlebte, inszeniert von K.D. Schmidt, der das Stück auch ins Deutsche übersetzte.
Das Publikum der nicht ausverkauften Premiere erlebte 120 Minuten spannendes Theater ohne Pause (zum Glück), aber mit einer guten Portion schwarzem, bisweilen skurrilem Humor, und spendete begeisterten Schlussapplaus.
Szenen eines Lebens
„Polar Bears“ erzählt Kays Leben in 18 Szenen aus verschiedenen Perspektiven ohne zeitliche Chronologie. In jeder Szene legt Anna Steffens (sensibel, intensiv und immer präsent) eine Schicht der vielschichtigen, zerrissenen Persönlichkeit frei. In dem Philosophie-Dozenten John (Sebastian Herrmann überzeugt als vermeintlich stabiler Langweiler an ihrer Seite) glaubt Kay ihren Märchenprinzen gefunden zu haben. Er bewundert sie und versucht, das Ungeheuer in ihr in Zaum zu halten.
Ihre Ehe scheint auf den ersten Blick glücklich, doch gleicht sie im nächsten Moment einem aussichtslosen Machtkampf. Ist es John wirklich eine Herzensangelegenheit, Kay Halt zu geben, oder hat er vielmehr Angst loszulassen? Verlustängste plagen auch Kays Mutter Margaret (Wieslawa Wesolowska). Die Kunstpädagogin mit einer Vorliebe für Holzschnitte, weil man da immer schön in den Linien bleibt, ist hin- und hergerissen.
Einerseits empfindet sie ihre Familie als Hölle, andererseits klammert sie sich an ihre Kinder. Belehrend und beleidigend keift sie um sich, andererseits hat man Mitleid mit der einsamen und kranken Frau, die vom Leben nicht verwöhnt worden ist.
Mit der Familie abgeschlossen zu haben scheint Kays Bruder Sandy (Bernhard Hackmann). Der erfolgreiche Geschäftsmann mit einem Jaguar, der fast noch schöner ist als die Gattin, ist es Leid, die Scherben zusammenkehren zu müssen, wenn Kay mal wieder eine schlechte Mondphase gehabt hat. Letztendlich aber verbirgt sich hinter seiner rauen Schale ein weicher, verletzlicher Kern.
Bessere Welt
Eine Nummer für sich in diesem Durcheinander von Rätseln und Wahrheiten, Gegensätzen und Widersprüchen ist Kays Freund aus alten Collegetagen (Thomas Lichtenstein setzt die skurrilen Akzente). Oder ist es Gottes Sohn in Bademantel und Schlabberhose, der den Glauben an eine bessere Welt verloren hat?
In diesem Stück, gleichsam ein Märchen über die Schöne und das Ungeheuer, ist nichts wie es scheint. Feste Denkstrukturen geraten ins Wanken. Was ist wahr, was ist falsch? Was ist normal, was verrückt? Und wer entscheidet eigentlich darüber? Die Inszenierung lässt den Zuschauer mit diesen Fragen zurück und bietet Raum für Gedankenspiele.
