OLDENBURG - „Don’t dance!“, hatte Sharon Eyal den elf Tänzern eingeschärft. Nicht tanzen? Was die Haus-Choreografin der Batsheva Dance Company verlangte, war vielleicht das Schwierigste überhaupt: Die Tänzer sollten ihre bisherigen Vorstellungen vom Tanzen schlichtweg über den Haufen werfen. Zuschauern ist zu raten, dasselbe zu tun, denn Choreografien der Israelin – da macht ihr aktuelles Stück keine Ausnahme – sprengen alle Konventionen, sind intensiver und ungewöhnlicher als so ziemlich alles, was heutzutage auf der Tanzbühne üblich ist.
Nicht nachdenken, sondern fühlen, nicht nach Inhalten suchen, sondern wirken lassen und sich dem hypnotischen Sog der hämmernden Techno-Rhythmen ergeben, unter denen das Große Haus des Staatstheaters am Sonnabend mitunter zu ächzen schien.
Präzise Synchronität
Das Stück „Plafona“, das die 1971 in Jerusalem geborene Sharon Eyal gemeinsam mit ihren Partnern Gai Behar, Ori Lichtik (Drummer, Komponist und Discjockey) und Avi Yona Bueno „Bambi“ (Lichtdesign) sowie der Oldenburger Tanzcompagnie inszeniert hat, ist zwar abstrakt, aber trotz seines futuristischen Stils leicht zu entschlüsseln.
Dabei sehen die Tänzer auf der dunklen leeren Bühne aus, als seien sie gerade den Dreharbeiten zu einem Science-Fiction-Film entkommen. Die Männer mit ihren silbrigen Haaren, die ihnen bis auf die Hüften fallen, scheinen überdies kaum noch unter den Lebenden zu weilen. Das einzige ästhetische Manko der Inszenierung. Ansonsten ist die präzise, abgezirkelte, in den vielen Ensemble-Szenen absolut synchrone, roboterähnliche Bewegungssprache bewundernswert. In hohem Tempo biegen, knicken, dehnen und winkeln die Tänzer jedes Gelenk, strapazieren nacheinander jeden einzelnen Muskel.
Spitzer Schrei
Das Individuum und die Masse, die Zerrissenheit des Subjekts, die Einsamkeit des Einzelnen – Stichworte stellen sich von ganz allein ein, obgleich die Choreografin keinen intellektuellen Ansatz verfolgt, sondern rauschhafte Bewegungsbilder auf die Bühne stellt und mit Assoziationen spielt. Die Erinnerung an Edvard Munchs legendäres Gemälde drängt sich spätestens in dem Augenblick auf, in dem eine der Tänzerinnen mit leidendem Gesicht einen spitzen Schrei ausstößt.
Doch das ist nur eine der wenigen expressiven Szenen. Die fast militärische Gleichförmigkeit der Gruppe überwiegt. Nur ab und an erlaubt sich ein Tänzer auszubrechen, und sei es nur, indem er ein Dauergrinsen aufsetzt oder sekundenlang die Zunge rausstreckt.
Noch bevor es zu eintönig wird, nach knapp 60 Minuten, ist der Rausch auf der Bühne vorbei. Und der stürmische Applaus im Zuschauerraum setzt ein. Sie haben eben doch getanzt. Und wie!
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