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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Fest der Farben und Fantasie

14.10.2019

Oldenburg Schwer vorherzusagen, was länger in Erinnerung bleiben wird: jenes mystische rote Doppelwesen in „Pierrot Lunaire“, das bedrohliche Gewitter im Kopf in „Quantum Leap“ oder das flirrende Wellenspiel in „An den Ufern des Sees“. Mit fünf Uraufführungen (dreimal Ballett und zweimal Musik), einer Choreografin und zwei Choreografen geriet am Samstagabend der erste Ballettabend der neuen Spielzeit am Staatstheater zu einem funkelnden Ereignis, bei dem sich der Zuschauer kaum entscheiden mochte, was eindrucksvoller war.

Die zweite Choreografie von Lester René, Mitglied der Oldenburger Ballettcompagnie, war bereits ein furioser Einstieg. „Quantum Leap“, auf Deutsch „Quantensprung“, hat der Kubaner seinem Vater gewidmet und erzählt eine Krankengeschichte in fünf Kapiteln – vom Fieber- und Schmerz-Delirium über Genesung bis zum Neuanfang. Das Ensemble-Stück in (Krankenhaus-)Weiß ist nicht nur eine bildhafte Umsetzung rasender Schmerzen, sondern auch von allem, was dazugehört – vom Rettungswagen, von Ärzten in weißen Kitteln, von der allmählichen Rückkehr ins Leben.

Dass es gelingen kann, eine solche physische und psychische Extremsituation rasant und spannend zu vertanzen, ohne dabei platt zu wirken, ist einer geglückten Kombination zu verdanken. Erneut hat Lester René mit dem Rostocker Musiker und Komponisten Johann Pätzold zusammengearbeitet, der seine elektronische, beklemmend-bedrohliche Musik den Tänzerinnen und Tänzern quasi auf den Leib geschrieben hat. Vor allem der kreischende, hämmernde Rhythmus zu Anfang entspricht der Fantasie von einer Revolte im Kopf oder einem MRT-Gerät, analog dazu die abgehackten Bewegungen der Tänzer – Gehirnzellen im Alarmzustand.

Der absolute Leuchtpunkt des Abends ist der Auftritt zweier Tänzer in einem Kostüm: sie auf den Schultern von ihm, beide eingehüllt in einen Hauch aus knallroter Gaze. Die rätselhafte Figur, die an Stöcken über die Bühne wankt, gehört in die poetische Choreografie der Koreanerin Hae-Kyung Lee, die sich in „Pierrot Lunaire“ von dem Gedichtzyklus des Franzosen Albert Giraud inspirieren ließ und ein europäisch-asiatischen Kunstwerk geschaffen hat. Eine spannende Kombination, wie sie auch in der Komposition ihres Mannes, Myung-Whun Choi, wiederkehrt, der westliche mit traditionellen koreanischen Instrumenten mischt.

Das Ganze wirkt und klingt ebenso fremd wie vertraut, im ersten Teil auch witzig, wenn die einzelnen Pierrots nicht nur vom Mondschein trunken sind, sondern offensichtlich auch von Hochprozentigem. Hicksend, lachend und mit schlackernden Gliedmaßen hüpfen, springen und stürzen sie über die Bühne. Im zweiten Teil wird der Pierrot dann zum Dandy mit Stock (oder Schwert?). Hier mutet die coole Eleganz fast wie asiatische Kampfkunst an – streng, rhythmisch und auf den Punkt choreografiert.

Das noch zu toppen, war am Ende schwer. Doch Antoine Jully hat zum Konzert für Kontrabass und Orchester von Eduard Tubin eine sowohl klassische als auch moderne, wunderschöne Wasser-Fantasie geschaffen: mit Spitzentanz und traumschönen Pas de deux. Für seine Choreografie „An den Ufern des Sees“ ließ er sich von der Bildenden Kunst inspirieren, von Cézannes „Die Badenden“ und Monets Seerosenbildern. Der Chefchoreograf und Balldirektor ist inzwischen ein Routinier im besten Sinne des Wortes: Wenn sich Tänzer – alle in blaugrünen Trikots – auf die Bühne hocken und sich im Rhythmus wiegen, dann ist das zweifellos ein Wellenspiel. Da flirrt und glitzert es, da gerät die Wasseroberfläche in Bewegung und tauchen die Tänzer ab. Krönender Abschluss eines Abends, für den es großen, anhaltenden Applaus gab.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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