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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Premiere: Gefährliche Grenzüberschreitung

17.02.2020

Oldenburg Auf die Opern-Autobahn schickt das Oldenburgische Staatstheater gern grundsolide Fahrer. Die bevorzugen die mittlere Spur, zügig bis Tempo 130, ziehen kaum mal mit heißem Reifen nach links. Hinrich Horstkotte ist so ein vertrauenswürdiger Fahrer, mit dem man auf Nummer sicher zum Ziel kommt. Der Berliner Regisseur und Bühnenbildner hat im Großen Haus die Oper „Rusalka“ von Antonin Dvorak auf die Bühne gestellt.

Die drei Akte mit hier drei und einer halben Stunde Spielzeit (inklusive zweier Pausen) firmieren als „Lyrisches Märchen in drei Akten“. Doch Horstkotte erzählt kein Märchen. Das lautet im Original: Die Nixe Rusalka hat sich in einen Prinzen verliebt und will um alles in der Wasserwelt ein Mensch werden. Die Hexe erfüllt den Wunsch um den Preis, dass Rusalka stumm bleibt. Als der Prinz sie betrügt, kehrt sie als Irrlicht zurück. Erlösen kann sie nur der Mord am Prinzen.

Die Regie verlegt die Geschichte aus dem Waldsee mit seinen Schlingpflanzen in die Tiefen und Höhen der Gesellschaft in Prag um 1900. Unter- und Oberschicht der Stadt bilden die Gegenwelten. Im Märchen sind das die seelenlosen, aber mitfühlenden Elementarwesen gegenüber den in den Emotionen schwankenden seelenvollen Menschen.

Diese Art der Erzählung erwirbt ihre Meriten. Die bilderstarke Bühne (Mitgestaltung Larissa Moreno) zeigt ein verschachteltes Mietshaus, von dessen Dach aus sich der Blick über die Stadt öffnet. Am Hof des Prinzen stehen eine große Wand und die Passagen davor und dahinter für die Trennung der Welten. Das ist eben die Stärke von Horstkotte. Er stapelt Ebenen übereinander, schafft weite oder begrenzte Räume und füllt sie in den Details mit prallem Leben.

Der Wassermann zieht als Penner herum. Feen und Gefolge treten in Artistenshows auf oder gehen auf Männerfang. Krass setzt sich die Oberwelt ab. Da wirft die Fremde Fürstin den Prinzen mit jener Portion an menschlicher Leidenschaft um, zu der die wie ein Fisch kaltblütige Rusalka nicht fähig ist. Die Hexe überblickt beide Welten und weiß: Grenzüberschreitungen sind immer gefährlich.

Alles ist logisch und nachvollziehbar entwickelt. Doch genau diese ordentliche Schlüssigkeit verkopft die Neuinszenierung. Der Zauber, den ein Märchen entwickeln kann, kommt selten auf. Wenn am Ende sich die mächtige Hausfassade in einem Lichtspiel wie in Wasserwellen verformt, dann dehnt das eher ein paar Längen.

Gegen solch ein Gefühl steuert das Staatsorchester mit Kapellmeister Vito Cristofaro grandios an. Zum Seelensturm gehen die Musikerinnen und Musiker nie auf Distanz. Die Klangfülle verdickt sich nicht, wenn der Dirigent im zweiten Akt auch das Derbe unterstreicht. Der satte Streicherklang, immer auch ins ruhig atmende Pianissimo geführt, ist zauberhaft. Homogen-zart gestalten die Holzbläser, ausgewogen und filigran tönt das Blech (Hörner!). Cristofaro zeigt die Fülle an Wagner in Dvorak. Aber sie bleibt bei ihm die unverwechselbare Musik des Böhmen.

Rusalka in der Darstellung von Lada Kyssy fügt sich ins Regiekonzept. Sie lässt das Kühle ihres Wesens nicht ins Unterkühlte abgleiten, das tariert sie sehr gut aus. Dagegen setzt Jason Kim (Alternative: Zoltán Nyári) als Prinz seinen strahlkräftigen Tenor, dem er charakteristische Valeurs für seinen Herzenszustand abgewinnt. Als Fremde Fürstin weist Ann-Beth Solvang drastisch darauf hin, dass die menschliche Welt Sinnlichkeit und Sexualität durchaus als bedrohlich empfinden kann.

Ill-Hoon Choung berührt als Wassermann, wenn er in seiner an Rusalkas „Lied an den Mond“ angelehnten Arie verzweifelt seine Tochter zurückholen will. Melanie Lang als Hexe pendelt knackig zwischen Emotion und Ratio. Weiter: Martha Eason, Martyna Cymerman, Erica Back (Elfen), Paul Brady (Heger), Nian Wang (Küchenjunge), der Chor (Einstudierung Thomas Bönisch/Piotr Fidelus.

Vor dem Unglück ruft der Wassermann entsetzt: „Sie ist einem Menschen ausgeliefert!“ Zu spät erkennt Rusalka: „Wehe dem, der Menschen kennenlernt!“ Es ist eine große Fantasie über einen Untergang.


     www.staatstheater.de 
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