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Premiere Gemetzel an Körper und Seele

Wolfgang Denker

OLDENBURG - Der schwedische Dichter August Strindberg hat in seinen naturalistischen Dramen mit psychologischem Scharfblick oft das Verhältnis (um nicht zu sagen den Kampf) der Geschlechter thematisiert, immer eingebettet in einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Nicht anders ist es in seinem Trauerspiel „Fräulein Julie“ (1889), das die Vorlage für die gleichnamige Oper des norwegischen Komponisten Antonio Bibalo bildete.

Sie wurde 1975 in Århus uraufgeführt. Bibalo hat sie aber 1984 umgearbeitet und das ursprünglich für großes Orchester geschriebene Werk auf eine Kammerbesetzung (Klavier und ein Streichquintett) reduziert. In dieser Version hatte „Fräulein Julie“ im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters nun eine erfolgreiche Premiere.

Feuerprobe gemeistert

In dem Dreipersonenstück verführt die Grafentochter Julie den Diener Jean, der mit der Köchin Kristine verlobt ist. Nun kehrt sich das Verhältnis zwischen Untergebenem und Herrin um. Julies Alptraum vom gesellschaftlichen Abstieg ist Realität geworden, Jeans Traum vom Aufstieg bleibt ein Traum. Nach der Liebesaffäre zeigt Jean allerdings Julie zunehmend die kalte Schulter und demütigt sie. Julie wird, nicht zuletzt aus Angst, ihr gesellschaftliches Ansehen zu verlieren, in den Selbstmord getrieben.

Für den jungen William Robertson war dies seine erste eigene Inszenierung. Und er hat die Feuerprobe mit Bravour bestanden. Die Entwicklung von Julie und Jean wurde mit psychologischem Feinschliff entwickelt. Zu Beginn ist Julie noch das gelangweilte, laszive Weibchen, das die Macht ihrer körperlichen Reize spielerisch und genussvoll ausprobiert. Wenn sie den Ernst der Lage erkennt, dreht sich die Spirale ihrer Verzweiflung allerdings immer schneller. Jean wirkt zunächst mit seiner Hornbrille und seinem linkischen Verhalten wie Woody Allen in einer komischen Rolle, bevor er sich zum Zyniker wandelt. „Knecht ist Knecht“, sagt Julie zu ihm, und Jean entgegnet den demütigenden Ausruf „Hure ist Hure“. Am Ende reicht er Julie das Messer, mit dem sie sich umbringt.

Geringer Personalaufwand

Das Bühnenbild von Lisa Maline Busse zeigt eine schmucklose Küche, die je nach emotionaler Lage in nächtliches Blau, schwüles Rot oder kaltes Grün getaucht wird. Schattenartige Vogelschwärme werden immer wieder als Projektion gezeigt – symbolischer Dualismus für Hoffnung auf Freiheit und Boten des Unheils. Am Ende sieht die Küche wie ein Schlachtfeld aus, riesige Blutlachen bedecken nach dem Gemetzel an Körper und Seele den Boden.

Linda Sommerhage spielte die oft hysterischen Gemütslagen von Julie mit expressivem Ausdruck überzeugend aus und setzte ihren kräftigen Mezzo farbenreich ein. Michael Pegher gab dem Jean mit schlankem Charaktertenor kaltschnäuziges Profil. Als Köchin erfüllte Ingela Onstad ihre vergleichsweise kleine Rolle optimal.

„Fräulein Julie“ zählt unter den zeitgenössischen Opern zu den relativ häufig gespielten. Das mag auch an dem geringen Personalaufwand liegen. Denn Bibalos von vielen Stilen beeinflusste Musik hat Längen und ist oft nicht viel mehr als funktionale Untermalung des Sprechgesangs. Aber sie tut dem Ohr nicht weh, ist klar strukturiert und ordnet den Personen eigene Klänge zu (Streichquintett vor allem für Julie). Johannes Stert und die Mitglieder des Oldenburgischen Staatsorchesters zeigten sich als engagierte Sachwalter.

 @ Alle Theaterkritiken unter

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