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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Premiere Im Staatstheater Oldenburg: Der Scheinheilige der Schlachthöfe

25.11.2019

Oldenburg Vom Fleische wird die Rede sein in den nachfolgenden Zeilen, von üppigen Schenkeln, gigantischen Besäufnissen, feuchten Erlebnissen und schreiender Ungerechtigkeit. Die Premiere von Bertolt Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im Oldenburgischen Staatstheater bot dem Publikum allerlei Erlebnisse zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Unter der Regie von Maria Viktoria Linke wurde dem Volk gegeben, was das Volk vergnügt.

Oben ist unten, unten ist oben: Die Komödie kehrt die Wirklichkeit um. Fatal, wenn Bruder Alkohol die Seele streichelt und den strengen Gutsherrn so zum Kumpan werden lässt. Dann kann der Herr sich und seinen Stand schon mal vergessen, um sich mit dem Pöbel zu verbrüdern und den Damen gefällig zu machen. Dass der kleine große Brecht mithilfe seiner finnischen Autorenfreundin Hella Wuolijoki 1940 seine Weltanschauung in eine Komödie packte, kam überraschend.

Große Geste

Mensch sein im Zustand völliger Umnachtung – Puntila kennt seine Stärke und gibt sich dennoch dem Verfall hemmungslos hin. Kammerschauspieler Thomas Lichtenstein ist zurück, brachial wie eh und je, durchaus mit neuer Vitalität, wechselt die Perspektive wie die Kleider. Im Alltag rumpelt er als Panzer über die Gefühle und Sorgen seiner Untergebenen hinweg, mit steigendem Aquavit-Pegel kehrt er als Renaturierer in die Schneise der Verwüstung zurück und versucht, die Pflänzchen menschlichen Handelns wieder aufzurichten. Das alles macht Lichtenstein durchgängig mit geübt großer Geste, sodass Reflexion nur sporadisch zu erkennen ist.

Bertolt Brecht hatte in seinen Notizen zur Züricher Erstaufführung 1948 dem Knecht die Rolle des Klassenantagonisten zugewiesen. „Die Rolle des Matti muß so besetzt werden, dass eine echte Balance zustande kommt, d.h. dass die geistige Überlegenheit bei ihm liegt.“ Es ist Klaas Schramm als Matti kaum anzulasten, dass seine Darstellung mal unentschieden, mal wenig verschmitzt überkommt. Es geht aber eben um „Master and Servant“, das Titel-Thema von Depeche Mode, das der musikalische Leiter Johannes Mittl immer wieder munter auf der Orgel einspielte.

Dass Gelingen im Theater viel mit Mut zu tun hat, demonstrierte Anke Stedingk in der Rolle der Puntila-Tochter Eva. Der freischaffenden Schauspielerin, im Übermaß mit Talent und Körper ausgestattet, gelingen Rollenwechsel wie Kleidertausch im gleichen Maße. Sie schwebt dank atemberaubender Bühneninstallation auf einem überdimensionalen Schwein ein, schlägt die Beine von links nach rechts und wieder zurück und muss zu allem Überfluss mehrfach ins angelegte Wasserbecken steigen, fallen und untertauchen. Die Nominierung zur Schauspielerin des Jahres 2019 durch die Fachzeitschrift „Theater heute“ verwundert keineswegs.

Überhaupt sorgen die wunderbar folkloristische Ausstattung (Julia Plickat), die heitere musikalische Inszenierung (im Original von Paul Dessau) und die moderne Technik dafür, dass das Stück zum großartigen Lustspiel wird. Das minimalistisch angelegte Bühnenbild wird zudem dank herausragender Videoinstallation (Stefan Bischoff) und Lichtsetzung (Sofie Thyssen) enorm aufgewertet. Ein Sonderlob verdiente sich Tobias Schormann. In der Tradition der Commedia dell’ arte, der italienischen Stegreifkomödie, gab er in der Rolle des Attachés die lustige Person, den Hanswurst. Das hemmungslose Absingen deutscher Schlager verbunden mit seiner gelungenen Steppeinlage wird unvergessen bleiben.

Himmel oder Hölle

Den Schlusspunkt hatte Regisseurin Linke trefflich gewählt: Großgrundbesitzer und Erzkapitalist Puntila entschwebte auf einem gigantischen Schwein in den Himmel – oder die Hölle – über dem Oldenburger Land und entzog sich auf diese Weise Verantwortung und Gerichtsbarkeit: der scheinheilige Puntila der Schlachthöfe. Die Inszenierung war von großer Aufmerksamkeit, viel Gelächter und sogar Szenenapplaus gekennzeichnet. Der langanhaltende Beifall am Ende rundete die gelungene Inszenierung ab.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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