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NWZonline.de Nachrichten Kultur

So haben Sie „Alice im Wunderland“ noch nie gesehen

21.05.2018

Oldenburg Das Bestiarium in dieser Zirkusmanege ist wohl einmalig: Eine grinsende Katze, die lieber Kröte sein möchte, vielleicht weil sie eine Haselmaus liebt, die das Wort „Katze“ nicht hören kann. Auffällig auch ein weißes, altkluges Kaninchen unter Zeitdruck und ein brauner Märzhase mit Vorliebe für Schweinefleisch, drei Vögel mit ausbaufähiger Diskussionskultur, ein unsichtbares menschenfressendes Monster – und mittendrin ein kleines Mädchen namens Alice.

Tja, da saß sie nun in ihrem Käfig, die Alice, und bat bei der Premiere von „Alice im Wunderland: L.S.-Dreamland“ rund 1000 Zuschauer zur großen Eröffnung der neuesten Spielstätte des Oldenburgischen Staatstheaters. Weil im ehrwürdigen Haus in der Innenstadt Sanierungsarbeiten anstehen, wurden Ensemble und Mitarbeiter und Kulissen (und was man sonst noch braucht) eingepackt und an den Stadthafen verfrachtet, wo ein gemietetes Roncalli-Zelt (1086 Sitzplätze) aufgebaut und durch ein lagerfeuerromantisches Drumherum ergänzt wurde. Dort, im „Uferpalast am Theaterhafen“, wird sechs Wochen lang Theater gemacht, vorneweg mit der mutigen Alice, deren Abenteuer vom englischen Autor Lewis Carroll erdacht und 1865 als Kinderbuch für Erwachsene veröffentlicht worden waren.

Für ihre Inszenierung dieses Klassikers nutzen Robert Gerloff (Regie) und Jonas Hennicke (Dramaturgie) allerdings mehr die Alice-Interpretation der seligen Hippietage Ende der 1960er Jahre. Seitdem stehen die psychedelischen Elemente der wundersamen Reise des Mädchens hinab in die Tiefen eines Kaninchenbaus im Vordergrund. Hier ein Pille zum Wachsen, da ein zum Schrumpfen und gern auch mal ein Pilz, um die Zeit zurückzudrehen – Alice schreckt vor keinem Trip zurück.

Es sind Reisen ausschließlich fürs fantasiebereite Hirn und kaum für die Füße, auf die die Zuschauer mitgenommen werden. Denn die Geschichte vom kleinen Mädchen, das gegen die Ungerechtigkeiten in einer fiktiven und vermeintlich makellosen Welt kämpft, umschifft ebenso elegant wie gekonnt alle Hemmnisse von Logik und Ratio und trifft damit des Pudels Kern genau (obwohl Hunde fehlen).

Eine Geschichte also, die ideal ist für eine Umsetzung auf einer Bühne, die gar keine Bühne ist. Vielmehr ein Rondell, umsäumt von einem fröhlich schnatternden Publikum, das sich nicht aus Ehrfurcht vor der Würde eines Theaterraums in die Sessel drückt, sondern das auf harten Holzbänken (mit Rückenlehne) seinem Hintern ein ebenfalls psychedelisches Erlebnis bietet. Vor diesen Zuschauern, über und hinter ihnen wird gespielt, entfesselt sich der fröhliche Wahnsinn des scheinbar anarchischen Wunderlandes, dessen Regeln in Wirklichkeit einer Diktatur gleichen.

Der „literarische Nonsens“, der „Alice im Wunderland“ einst kreierte, wird höchst vergnüglich und kurzweilig vom Ensemble des Staatstheaters in die Zirkusarena gebracht. Mit großer Lust werden einzelne Sequenzen der Vorlage zitiert, macht man aber auch Abstecher in ganz andere Bereiche: Hier ein wenig Phantastik aus „Game of Thrones“, dort sehr viel mehr Musical aus „Cabaret“, dann noch eine Prise deutsches Kino a la „Schtonk“ oder auch – Verbeugung vor dem Ort des Geschehens – eine Seifenblasen-Erinnerung an den großen Roncalli-Clown Pic.

Weitere Vorstellungen

Im Mai gibt es nur noch Restkarten für die Vorstellungen am 22. und 25. (jeweils 19.30 Uhr)

Im Juni sind Vorstellungen am 1., 3., 5., 6., 9., 10., 14., 15. und 16. ab jeweils 19.30 Uhr sowie am 17. Juni ab 18 Uhr.

Alle Vorstellungen von „Alice im Wunderland: LS-Dreamland“ finden im Uferpalast-Zelt am Theaterhafen Oldenburg statt.

Und dann die Musik! Sie hilft dem Betrachter sehr, in ein intensiv nahes und zugleich gesundheitlich völlig ungefährliches Trip-Erlebnis einzusteigen. Wobei sich der musikalische Leiter Hajo Wiesemann nicht auf die bloße Kopie alter Psychedelic-Hits verließ, sondern vieles umarrangiert: Überzeugend hier „White Rabbit“, im kratzigen 1967-Original von Jefferson Airplane, das von Helen Wendt zu einem dramatischen Soulsong ausgebaut und zum Leitfaden der gesamten Aufführung wird. Ebenso wundersam ikonisch wirken die Neubearbeitungen von „Break on thru“ (Doors), „House of the rising sun“ (Animals) oder das abschließende „Changes“ (David Bowie). Alles bekannte Gassenhauer und doch sehr ungewöhnlich vorgetragen, eben passend zu diesem Spektakel in der Manege.

16 Akteure, oft in mehreren Rollen, wurden für diese quietschebunte Vaudeville-Theater-Rock-Pop-Fantasie-Erlebnisreise aufgeboten, dazu eine feine Rockband sowie ein Chor und jede Menge Statisten (plus Freiwillige aus dem Publikum) – nicht eine Person ist zu viel in diesem Projekt. Intendant Christian Firmbach, obwohl selbst nur Zuschauer, war nach 150 Minuten in Alices Wunderland ebenso geschafft wie die Mitwirkenden und lobte überschwänglich: „Die tollste Truppe, mit der in zwei Jahren dieses Uferpalast-Projekt vorbereitet wurde, und ein fantastisches Ensemble, das diese Premiere so wunderbar gespielt hat. Ich liebe euch.“

Und in der Tat war die Ensembleleistung dieser Inszenierung von „Alice im Wunderland: LS-Dreamland“ ausgezeichnet. Überragend dabei Hauptdarstellerin Katharina Shakina, die spielte, sang, in luftiger Höhe turnte und überhaupt ständig unterwegs war, als hätte Kondition etwas mit roten und blauen Pillen zu tun, sowie Franziska Werner als Mr. Maus mit Teetasse als Kopfbedeckung. Noch größer war vielleicht die Leistung von Thomas Birklein in den Rollen als Alices Gegenspielerin Herzkönigin und als weißer Clown. Erst zwei Tage vor der Premiere musste Birklein den kurzfristig erkrankten Kammerschauspieler Thomas Lichtenstein ersetzen und sich in knapp 24 Stunden zwei lange Monologe einprägen. „Och, das geht schon, wenn man sich mal eben für länger ausklingt“, gab sich Birklein bescheiden ob der zahlreichen Glückwünsche. Ohne Tunnelblick geht es halt im Wunderland nicht.

Insgesamt ein unvergesslicher Theaterabend, der doch so viel mehr ist als ein einfacher Theaterabend. Ein Spektakel, das so vielleicht nur in einem Zirkuszelt gelingen kann und nie auf einer traditionellen Guck-nach-vorne-Bühne. Eine Inszenierung zudem, die den Zauber und das Vergnügen, das Theater bieten kann, mit großer Kraft bestätigt. Unbedingt hingehen!

Klaus Fricke
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