Oldenburg - Warum nicht mit dem Applaus anfangen. Das ist mal was anderes. Was man vom Beifall, der bei jeder Ballettaufführung in Oldenburg aufbraust, nicht behaupten kann. So war der Applaus auch am vergangenen Samstagabend im Kleinen Haus wie immer: nicht enden wollend.

Grund dafür gab es genug: Für den Ballettabend „Drei Generationen“ mit vier Choreografien von drei Choreografen zeichnete Antoine Jully erstmals allein verantwortlich, als Chefchoreograf und als Ballettdirektor. Es ist ein Gesamtkunstwerk geworden, das in zwei Stunden (zwei Pausen inklusive) einiges zu bieten hat – mal dramatisch und mal reduziert, mal verspielt, mal puristisch. Eine Vielfalt, die fast vergessen lässt, wie kräftezehrend diese Arbeit auf der Bühne ist. Das verrät nur der Schweiß, der in die Kostüme rinnt.

Es ehrt den 40-jährigen Franzosen, dass er mit zunehmender Verantwortung eher noch bescheidener Auftritt. Und so lässt Jully seinem Tänzer Lester René González Álvarez den Vortritt. Für sein Debüt als Choreograf hat der Kubaner den Rostocker Musiker Johann Pätzold ein Werk komponieren lassen, das die entscheidende Assoziation auslöste: den Gedanken an einen Leuchtturm.

Auf der Bühne ist er als kreisendes Licht erkennbar. Dazu sieben Tänzerinnen und Tänzer im Bühnennebel, der drohendes Unheil suggeriert. Vorsicht ist geboten. In sich allmählich steigernder Dynamik tanzt die Gruppe zu Elektrobeats oder im Solo und Pas de deux zu melancholischem Klavierspiel.

Wie ein festes Vokabular wiederholen sich expressive Bewegungen: den Mund zuhalten oder zum stummen Schrei aufreißen, die Augen mit den Händen verdecken. Nach dem dramatischen Finale eine Stimme aus dem Off: Wer über seine Angst und über sich selbst hinauswächst, hat gewonnen. Ein Rezept, das der Tänzer und neue Choreograf mit Erfolg getestet hat.

Einen solchen Mut kann man dem Duo in Jullys Choreografie „Is This It?“ (War’s das?) nur wünschen. Eine Frau, Eleonora Fabrizi, und ein Mann, Timothée Cuny, strampeln sich durchs Leben. Oder ist es gar nur eine Person? In der Krise? Am Ende des Lebens? Schwarze, sackartige Hosen und graue Hosenträger tragen sie beide, auch von harmonischer Zweisamkeit sind ihre sperrigen, aber spannungsvollen Begegnungen zu Liedern von Asaf Avidan weit entfernt. Verbindendes Element ist nur ein kalter, bläulicher Plexiglasstuhl – das war’s. Von Jully aber noch nicht: Bei „Harmonic Language“ lässt er acht Tänzerinnen und Tänzer das 4. Streichquartett von Béla Bartók grandios in Körpersprache übersetzen, eine atmende Synchronisation.

Ein bisschen wirken sie in ihren engen weißen Trikots selbst wie Noten, doch die weicht Jully, humorvollen Akzenten nie abgeneigt, mit überraschenden Körperbildern auf. So witzig kann ab­strakt sein.

Zwischen den beiden Arbeiten ist noch Zeit für ein Kleinod: „Tensile Involvement“ (Dehnbare Verstrickungen) von dem Theatermagier Alwin Nikolais aus dem Jahr 1953, einstudiert von Alberto Del Saz. Und das perfekt: Jeder der neun Tänzerinnen und Tänzer hält ein elastisches, farbiges Licht reflektierendes Band in der Hand. Damit verspannen sie die gesamte Bühne und sich selbst zu einem Netz aus Linien, ohne sich auch nur für den Bruchteil einer Sekunde zu verheddern.

Eine ästhetische Glanzleistung und ein visuelles Erlebnis, das den Abend im wahrsten Sinne des Wortes einbindet. Eben ein Gesamtkunstwerk.