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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Letzte Tage voller Zweifel

01.11.2017

Oldenburg These eins: Alle Religionen halten die Menschen dumm! Sagen Sozialwissenschaftler. Antithese: Ohne eine Religion ist eine Gesellschaft nicht überlebensfähig! Halten nicht nur Religionsforscher dagegen. These zwei: Wenn eine Religion ihre uralten Grundwerte in die Moderne übertragen kann, ohne die Bedeutung des Bewahrens aufzugeben, hat sie Zukunft. Keine Antithese dazu!

Ohne sakralen Kitsch

Texter Tim Rice und Komponist Andrew Lloyd Webber stehen mit ihrem Rockmusical „Jesus Christ Superstar“ für These zwei. Das Werk zu den letzten sieben Tagen von Jesus kam zu seiner Entstehungszeit 1971 als Provokation an. Doch bei der stark gefeierten Premiere am Staatstheater erschließt sich den Hörern das einstmals Skandalöse nicht mehr. Regisseur Erik Petersen legt die 120 Minuten nicht als Bibel-Doppelstunde an. Die Inszenierung verzichtet, abgesehen von der überdrehten Kreuzigungsszene, auf sakralen Kitsch. Stattdessen wagt sie tiefe Einblicke in die Charaktere. Aus mystischen Figuren werden Menschen.

Jesus oder Judas? Eine Weile erwogen Rice und Webber, ihre Version nach dem Namen des Verräters zu benennen. Das drängt sich auf. Judas ist neben Jesus und Maria Magdalena die herausragende Person.

Das liegt zum einen an der Rolle. Judas wird kirre am vordergründigen Star-Gehabe des Erlösers und seiner selbstverliebten Jünger. Er sieht die hehren Ziele zum Schaden des Volkes verraten. Zum anderen ist Rupert Markthaler ein glaubwürdiger Interpret dieses fanatisch zwischen Verantwortungsgefühl und Zweifeln pendelnden Idealisten, sowohl darstellerisch als auch sängerisch.

Jesus, hintergründig ein Zweifler und Verzweifelter, wirkt dagegen fast etwas statisch. Das überdeckt aber Oedo Kuipers rein schon mit der Kraft seiner Erscheinung und der Wendigkeit, Wucht und Tonhöhe, die der Musical-Jungstar in seine Stimme legt. In ihrer Innigkeit, aber auch, wenn sie aufdreht, dringt Martyna Cymerman als Maria besonders dicht zu den Herzen der Zuhörer im ausverkauften Haus vor.

Auf der Bühne von Sam Madwar, die mit der Band in einer Loge über dem Eintrittsportal einer Zirkusarena ähnelt, wuseln ohne Leerlauf das Oldenburger Sängerensemble (Mark Weigel, Kim David Hammann, Henry Kiichli und andere) Chor, Extrachor und Soul-Girls. Für Paul Brady ist Herodes eine Paraderolle – als Paul Brady. Das wetterwendische Volk lässt sich schnell von der gerade angesagten Seite vereinnahmen. Oder es macht aggressiv in zwingender Choreografie Front gegen sie. Zwischentöne gibt es da nicht.

Brücken schlagen

Das Jesus-Christ-Superstar-Quintett unter Leitung von Jürgen Grimm mischt mitreißend Softrock-Balladen, Gitarrenriffs und Scratch-Sounds mit Wiedererkennungs-Melodien, Klangteppichen und kontemplativen Momenten. Der Sound scheppert angemessen forte aber noch verträglich. In dieser Form wird das Rockmusical im Großen Haus und später im Uferpalast seinen Weg machen, weil es Brücken in die heutige Zeit schlägt. Wir vertreten, was das Volk will, ist ja eine brandaktuelle Aussage.

These drei: Auch das Christentum hat sich als die beste aller Religionen gesehen und das mit Terror Ungläubigen aufgezwungen. Bis zu einem Aufbruch und zur Öffnung hat es Jahrhunderte gedauert. Andere Religionen werden solche Zeit auch brauchen.

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