Oldenburg - Sozusagen als Talentscout wurde Regisseurin und Übersetzerin Elina Finkel im vergangenen Jahr vom Oldenburgischen Staatstheater nach Moskau zum „Lubimovka“-Festival für zeitgenössische russische Dramatik geschickt. Zurück kam sie mit drei Stücken im Gepäck, von denen eines, „Russian Boy“ von Dimitrij Sokolov, nun in Oldenburg nicht nur seine Premiere, sondern auch seine Uraufführung erleben wird. „Russian Boy“ wurde in Moskau nämlich lediglich durch eine Lesung vorgestellt. Die Thematik ist für russische Verhältnisse viel zu brisant, als dass es dort jemals ein Theater wagen würde, das Stück aufzuführen.
Es erzählt die Geschichte des jungen Mannes Artjom, der vom Land nach Moskau zieht, um ein berühmter Schauspieler zu werden. Der verheiratete Mischa verliebt sich in Artjom und leidet unter dem Zwiespalt zwischen seiner wahren Natur und den gesellschaftlichen Zwängen. Seine Frau Lena wiederum kann sich dadurch ihre Wunschvorstellung von einem starken Ehemann nicht erfüllen. Und Artjoms Mutter auf dem Dorf ist geächtet aufgrund der Tatsache, dass sie einen schwulen Sohn hat. „Das Stück beschäftigt sich nicht nur mit der Problematik um die homosexuelle Hauptfigur Artjom herum, sondern auch mit allen, die mit Artjom zu tun haben“, erläutert Dramaturg Marc-Oliver Krampe. „Man kann die Konflikte, Beweggründe und Gefühle aller Figuren sehr gut nachvollziehen.“
Autor Sokolov hat das Stück in dem Bewusstsein geschrieben, dass es in seiner russischen Heimat vermutlich nie den Weg auf eine Bühne finden wird. Und trotzdem war es ihm ein Bedürfnis, über eine schwule Liebe zu schreiben und damit zu sagen: „Es gibt uns, wir kämpfen um unser Recht auf Liebe, um unser Recht auf Glück, genauso wie alle Menschen überall auf der Welt.“
Bisher ist das Thema Homosexualität bei den deutschen Theaterverlagen stark unterrepräsentiert. Bei der Suche nach einem entsprechenden Stück konnten die Dramaturgen fast nichts finden. Also ging man den Weg über das „Lubimovka“-Festival. Nicht nur der Spielplan konnte auf diese Weise bereichert werden, auch ein deutscher Theaterverlag ist um ein außergewöhnliches Stück reicher. Nachwuchsautor Sokolov ist glücklich, dass sein Werk endlich gespielt wird.
