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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ballett zwischen Leben und Tod im Staatstheater

29.01.2018

Oldenburg Kurz bevor der Vorhang zum letzten Mal herunterfährt, eilt einer der Tänzer mit weißem Pulver auf die Bühne und streut eine Linie auf den Boden, die sich mühsam krümmt und schließlich zurück zum Ausgangspunkt rieselt: Der Tod hat das Mädchen geholt, der Kreis des Lebens schließt sich. Eine Bewegung, die der ganze Ballettabend „Schläpfer/Jully/Blaska“ im Großen Haus nachvollzieht. Denn Abschied und Tod stehen als Motive sowohl am Anfang als auch am Ende.

Mit Finesse

Für ihre zweite Premiere in dieser Spielzeit konnte die Oldenburger Ballettcompagnie erneut den Schweizer Star-Choreografen Martin Schläpfer verpflichten, der selten mit einem anderen Ensemble als dem eigenen zusammenarbeitet. Eine sinnvolle Konzentration: Sein Ballett am Rhein ist bereits zum vierten Mal in Folge zur Compagnie des Jahres gewählt worden.

Schläpfer hat seine Choreografie „Violakonzert“ nach dem gleichnamigen Musikstück von Alfred Schnittke mitgebracht. Gewidmet hat er das dunkle Werk, in dem sich kaum eine helle Farbe verirrt – weder musikalisch noch tänzerisch – seiner verstorbenen Mutter. Die 13 Oldenburger Tänzerinnen und Tänzer hätten an Qualität und Finesse gewonnen, hatte Schläpfer vor Kurzem im Interview gelobt. Für sie hat er eigens Teile des 3. Satzes verändert und andere neu einstudiert.

In „Violakonzert“ krallen sich Körper aneinander, verschlingen sich zu komplizierten Figuren, grätschen die Tänzerinnen ihre Beine in die Luft, während andere ausdruckslos vor der leicht spiegelnden Rückwand ins Leere starren. Dabei dreht sich eine leuchtende Stange um die Bühne und schraubt sich langsam in die Höhe. „Rückblick auf das Leben an der Schwelle zum Tod“ hat Schnittke selbst seine Musik beschrieben. Schläpfer hat daraus ein tänzerisch höchst anspruchsvolles Stück geschaffen: bewegend, poetisch, aber nicht gerade lebensfroh.

Nach der ersten Pause des zweieinhalbstündigen Abends aber kommt Leben auf die Bühne: Afrikanische Trommeln (Vincent Bauer und Adriano Tenorio) treffen auf klassische Ballettschritte, mit einem virtuosen Solo von Lester René González Álavarez gleich zu Anfang. Was dann folgt, ist eine mitreißende Feier: spritzig, lust- und humorvoll. „Tam Tam et Percussion“, 1970 von dem Franzosen Félix Blaska choreografiert, macht Spaß, sowohl beim Pas de deux (Maelenn Le Dorze und Gianluca Sermattei) als auch bei den Ensembleszenen, deren abgezirkelte Bewegungen exakt mit dem hypnotischen Rhythmus der Trommeln übereinstimmen.

Latente Bedrohung

Zum Abschluss wieder Musik in Moll. Diesmal Franz Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ mit dem Ventapane Quartett des Staatsorchesters auf der Bühne und dem Chefchoreografen dahinter. Antoine Jully, der jüngste der drei Choreografen, nimmt Matthias Claudius, von dem das gleichnamige Gedicht stammt, beim Wort, doch lässt er mehrere junge Frauen ihrem je eigenen Tod begegnen. Die latente Bedrohung ist in jeder Szene spürbar, in jeder umschlingenden Armbewegung, in jedem gehetzten Fluchtversuch.

Im Fokus steht ein Mädchen, das anfangs noch gelöst im glockigen Kleid über die Bühne wirbelt (Eleonora Fabrizi), aber zunehmend altert und ergraut. Währenddessen schminkt sich ihr Tod rechts am Bühnenrand. Ganz langsam. Er hat keine Eile. Schließlich ist er fertig für den letzten, intimen Tanz und ein rasches Ende des Mädchens.

Statt den 4. Satz zu choreografieren, hört Jully an dieser Stelle auf. Nur der ungelenke Kreis vor dem letzten Vorhang verspricht einen Neuanfang und liefert etwas Trost. Am Ende großer Beifall für die Choreografen und eine Compagnie, die nicht nur Martin Schläpfers hohe Ansprüche erfüllt hat.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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