OLDENBURG - Der Stangenwald hinter den sieben Bergen hat ein Dach, darauf sitzen vier Musiker. Das Keyboard warnt mit schrillen Akkorden, die Posaune weint Klagelaute, der Bass zupft unheilvoll und das Schlagwerk klopft wild wie das aufgeregte Herz eines 13-jährigen Mädchens, das sich im tiefen Wald verlaufen hat.

Müde und hungrig

Da tauchen aus der Dunkelheit sieben mürrische Gestalten mit flackernden Stirnlampen auf – dreckig, verschwitzt, müde und hungrig. „Das sind die sieben Zwerge, die sind nett“, flüstert ein Mädchen im Publikum erleichtert. Umso erstaunter sind die jungen Zuschauer im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters, als die Griesgrame die hübsche Prinzessin unsanft anbrüllen: „Hau ab!“

„Schneewitte“, dem Musiktheater für Erwachsene und Kinder ab sieben Jahre, fehlt nicht nur das verniedlichende „chen“. Die niederländische Librettistin Sophie Kassies interpretiert den Klassiker der Gebrüder Grimm auf moderne Art auch neu. Sie fokussiert den holprigen Weg des Älterwerdens, den beide, Königskinder und deren Eltern, gehen müssen.

„Mutter ist man für alle Zeit“, sinniert die schöne Frau Königin und hadert mit ihrem verblassenden Spiegelbild. Als ihr Gemahl sie auf eine Schönheitsfarm schicken will, setzten sich die alten Hebel des Märchens klanggewaltig unter der musikalischen Leitung von Jason Weaver in Bewegung. Die Musiker sind auch Zwerge. Ebenso die beiden Schauspieler Sascha Grüb und Markus Kunze, die die Handlung als Erzähler, Jäger und König flott vorantreiben. Kleindarsteller Matthias Freude schiebt als Techniker geschäftsmäßig Requisiten hin und her. Am Ende schleppt er Schneewitte von der Bühne. Da ist er also, der Prinz.

Sieben mäkelige Männer

Friederike Hansmeier verkörpert rührend eine mütterliche Königin. Herzerfrischend gibt Eleni-Lydia Stamellou eine vor Selbstüberschätzung strotzende Schneewitte ab, die mit viel Witz für sieben mäkelige, alte Männer saubermachen und Pfannkuchen backen muss.

Die griechische Sängerin kommt vom „Schnawwl“, der Jungen Oper am Nationaltheater Mannheim, das bei dieser Produktion Kooperationspartner ist. Ebenso das Jeugdtheater Sonnevanck aus Enschede, deren Leiterin Flora Verbrugge mit Sebastian Ukena (Oldenburg) für die Regie verantwortlich zeichnet.

Das Publikum wippt

Lustige Anweisungen – Schneewitte singt mit vollem Mund, die Zwerge tanzen Po an Po und küssen sich – überziehen das Musiktheater mit dem süßen Duft der Mädchenwelt, den die Zwerge übrigens total ätzend finden. Die Musikkomposition von Jens Joneleit führt in eine jazzige Klangwelt, die sich zum Ende hin rhythmisch verdichtet. Plötzlich wippt das ganze Publikum mit, klatscht im Takt. Alles mündet im langen, begeisterten Applaus.

Karten: 0441/22 25 111

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