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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Premiere: Unaufhaltsam in den Untergang

30.09.2019

Oldenburg Fünfeinhalb Stunden braucht es im Großen Haus, ehe die Flammen lodern und die Musik aufbraust wie ein Wirbelsturm. Der von Brünnhilde entfachte Weltenbrand rast wie ein Buschfeuer über den Göttersitz Walhall und das irdische Bergdorf. Untergang einer dekadenten und abgewrackten Gesellschaft. Ende ohne Wiederkehr? Oder erwächst auf den Trümmern eine neue Welt, die Utopie einer besseren? Nach dem Finale des Oldenburger „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner mit der „Götterdämmerung“ muss jeder seine eigene Vision finden.

Vielleicht geben die drei Nornen einen Anstoß. Die weitsichtigen und schicksalsbestimmenden mythischen Wesen flechten im Nebel am Weltseil, dem Band, das die Welt zusammenhält. Sie streuen kluge Sprüche zu Vergangenheit und Gegenwart ein und erkennen das Böse in der Zukunft. Ja, da keimt eine Idee auf: Wie sähe eine Welt unter Führung und Schutz solch weiser Frauen aus? Ein Leben ohne diese machtgeschädigten, aufwiegelnden, verlogenen, hasserfüllten, egomanischen Männer?

Zunächst aber muss im Staatstheater der von Göttervater Wotan durch die Zerstörung der Weltesche provozierte Untergang vollzogen werden. Siegfried verlässt für neue Abenteuer Brünnhilde. Dabei gerät er an Hagen und Gunther, die ihn mit einem Zaubertrank umpolen. Der Recke fliegt auf Gunthers Schwester Gutrune und wirbt mithilfe der Tarnkappe Brünnhilde für Gunther ab.

Die rächende Kraft einer in der Liebe getäuschten Frau führt dann unaufhaltsam in den Untergang. Am Ende triumphieren die drei Rheintöchter. Bei ihnen landet der Ring, der so viel Unheil über die Welt gebracht hat. Lachend werfen sie sich das in der abgeschlagenen Hand von Alberich verkeilte Goldstück zu.

Regisseur Paul Esterhazy und Bühnenbildner Mathis Neidhardt haben das Schlussstück gespickt mit Typen, gemacht für die Vernichtung alter Autoritäten. Hagen ist der verschlagene Biedermann, der die Morde an Siegfried und Gunther wie Verwaltungsakte vollzieht. Gunther ist der Spießer schlechthin; während der naive Siegfried mit dem Schwert herumfuchtelt, hält er den Stammtisch-Wimpel der Gibichungen schützend vor sich.

Häufiger bewegt sich die Drehbühne. Die vielen Irrwege brauchen Raum. Dabei täuscht das nur eine Weite vor, die nie ins Offene führt. Wie viele dieser mental geschädigten Dörfler mögen Leichen im Keller verbergen? Offensichtlich ist: Das ganze Dorf hat Leichen gesammelt und in einer Abstellkammer gestapelt.

Brünnhilde (Nancy Weißbach) und Siegfried (Zoltán Nyári), die Aufrichtigen, beherrschen die Bühne. Weissbach führt eine voluminöse Stimme ins Feld, in der sie aus Zurücknahmen heraus erschütternde Aufschwünge stemmt. Niárys Pfund ist der Heldenton, mit dem er wuchert. Insgesamt bezwingen die stilistische Geschlossenheit bei individueller Charakterisierung im Ensemble: Michael Kupfer-Radecky (Gunther), Randall Jakobsh (Hagen), Melanie Lang (Waltraute), Aile Asszonyi (Gutrune/3. Norn), Leonardo Lee (Alberich) sowie teils in Doppelrollen als Nornen oder Rheinschwestern Maiju Vaahtoluoto, Ann-Beth Solvang, Martha Eason, Nian Wang; dazu Opernchor und Extrachor.

Im Staatsorchester sind bei aller Anspannung Wille und Freude zu spüren, etwas Großes groß zu beenden. Unter Hendrik Vestmanns Leitung zeigt es eine vielschichtige Klangbalance. Es kann ergreifend singen, es kann sich aufbäumen, es kann hart dreinschlagen, wenn Leitmotive und Geschehen es verlangen. Auch im Graben laufen Weltstück und Binnendrama gleichermaßen plastisch ab.

Und die Visionen? Die stehen schon bei den Nornen infrage. Ihnen reißt das Weltseil. Wie wäre es wenigstens mit einer von Göttern unbelasteten anderen Welt? Könnte die menschlicher werden?


Alle Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
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