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Premiere Verkrachte Typen am Kiosk

Horst Hollmann

OLDENBURG - Die Pommesbude erobert die Opernbühne. In Genf etwa hat Don Giovanni zum festlichen Abendessen an den Imbissstand geladen. In Oldenburg lernt Rodolfo seine Mimi am Kiosk kennen. In der Neuinszenierung im Staatstheater von Giacomo Puccinis „La Bohème“ rollen Puristen darob anfangs mit den Augen und wanken im Gemüt. Doch die Stimmung dreht sich rasch. Denn diese frische und zupackende Inszenierung von Lorenzo Fioroni stellt sich im Großen Haus nicht gegen den Geist der Musik und ihrer Figuren. Sie schärft vielmehr ihr Innenleben über viele brillante Details.

Den großen Bogen der Gesellschaftskritik spannt der Regisseur nicht über die tragische Liebesgeschichte, die stets einige Taschentücher kostet. Dem in Saus und Braus lebenden Komponisten nimmt man ohnehin keine Kritik zu Verknüpfungen von Konsumsucht reicherer Gesellschaftsteile und der Armut dieser minderbemittelten Freigeister ab. Fioroni versucht es auch nicht ernsthaft. So ist das Milieu im bitterkalten Paris, und anders will es das auch nicht. Im knallbunten Kaufhaus finden die verkrachten Künstler in Tierkostümen ihre Teilzeit-Jobs, auf der suggestiv gestalteten Müllhalde verwertbare Reste zum Überleben.

Große Süße

Die vier Bilder (Bühne: Paul Zoller) verstärken den schnell wechselnden Gestus der Musik und zwischen Pomp und Kargheit die Charakterzeichnung und das Seelenleben der handelnden Belegschaft. Auch, wenn die Chormassen zwischendurch bis auf die Zuschauerränge ausschwärmen, nähert sich die Inszenierung eher einem Kammerspiel mit einer Fülle wunderbarer, anrührender und auch verstörender Details.

Da ist jene Szene, in der die schüchterne Mimi mit hoch wehendem Rock Marylin Monroe spielt. Wenn Schaunard die roten Mützen, Symbol der Liebe Rodolfo/Mimi, über die Müllhalde schleudert, werden abgenutzte Gefühle entsorgt.

Und der Zeitsprung von Weihnachten in den Frühling lässt sich an der Teuerung ablesen: Zuerst kostet die „Plat du jour” an der Holzhütte 1,90 Euro, aktuell dann 2,15 Euro. Und am Ende rennt Rodolfo weg, während das vermeintliche Flittchen Musette bei der sterbenden Mimi ausharrt. Die Details zerbröseln in ihrer Überfülle nicht, sie fügen sich zum vielschichtigen Charakter-Kaleidoskop.

Angela Bic singt die Mimi mit großer Süße im ersten und beklemmender Schmerzlichkeit im letzten Bild. Ein feiner Glanzüberzug liegt in ihrer auch in heiklen Übergängen geschmeidigen Stimme. Stefan Heibach schlägt sich mit seinem sauber geführten Tenor tapfer durch Rodolfos Unglück, könnte einige stimmliche Nuancen mehr in seine Unstetigkeit einbringen. Individuell bunt gestaltend das übrige Ensemble mit Inga-Britt Andersson, Peter Felix Bauer, Paul Brady, Andrey Valiguras, und Henri Kiichli in prägenden Rollen.

Wie Weihnachten

Das Staatsorchester holzt eingangs etwas, schwimmt aber unter Johannes Stert schnell sehr sicher in Puccinis zügigem Fluss. Der Dirigent bewahrt die Sänger vor dichtem Orchestersatz, lässt die Soli wie das ersterbende Oboenmotiv atemberaubend erblühen, vermeidet einen gefühlsweichen Stil. Er weiß auch, wo er über die Melodielinien hinaus kleine Begleitmotive oder rhythmische Akzente betont. So wird Puccini nie sentimental, sondern einfach lebendig und schön.

Das Ganze ist ja auch eine verkappte Weihnachtsgeschichte. Und an der haben über zweieinhalb Stunden alle ein Wohlgefallen.

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