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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Diese Inszenierung setzt auf Schreckensbilder im Kopf

04.09.2018

Oldenburg Zugegeben: Das Stück hat seine Schwächen. Der erste Teil des Drei-Stunden-Trumms ist gefühlte 15 Minuten zu lang, die eine oder andere Szene zu plakativ.

Zugegeben auch, dass man sich in Zeiten wie diesen, da kaum ein Tag ohne „alternative“ Fakten aus „sozialen“ Netzwerken vergeht, da Kreiswehrersatzämter im Neusprech „Karrierecenter“ heißen und Flüchtlingslager zu „Ankerzentren“ umgehübscht werden, für eine Bühnenfassung von George Orwells „1984“ ganz etwas anderes hätte erwarten dürfen als das: ein mit Sprache, Sound und Musik „betontes“ Stück an der Schwelle zum Tanztheater mit offen historisch-philosophischem Belehrungsgehalt.

Luise Voigts (geboren 1985) Inszenierung von Orwells großem Lehrstück von der Umwidmung aller Werte fußt auf der Verquickung von Romanhandlung und der realen Geschichte des 1940 von Stalin-Schergen hingerichteten russischen Regisseurs Meyerhold.

Der wollte die Schauspielkunst durch ein Biomechanik genanntes Verfahren revolutionieren, das sich auszeichnet durch eine stetige, roboterhaft exaltierte Gestik. Meyerhold glaubte, bestimmten Bewegungen folgten zugehörige Emotionen nach, und er wollte die Arbeitshaltung des Industriearbeiters ins Theater verlängern. Er endete durch einen Genickschuss.

Umwerfende Stringenz

Lässt man sich auf diesen Ansatz ein, fasziniert die umwerfende Stringenz, mit der Regie, Video- (Stefan Bischoff) und Soundtechnik (Friederike Bernhardt), „Biomechanik“ (Tony De Maeyer) und Dramaturgie (Marc-Oliver Krampe) das Ergebnis spannend auf die Bretter bringen.

Zwei Ideen prägen den Abend: das Einheitsgrau der wie marionettenhaft bewegten Menschen. Es begegnet uns mit dem Grau der uniformen Overalls (Kostüme: Nina Kroschinske), die sie tragen, im Licht, auf dem Bühnenboden und Bühnenhintergrund. Drei hingetupfte Ausnahmen gibt es: das Clownskostüm, in dem Meyerhold zu Pro- und Epilog steckt. Die roten Schlagstöcke, mit denen Winston Smith, der Held, gemartert werden wird. Und das rote Hemd, das Parteimitglied O’Brien, der Gegenspieler, unter dem Overall trägt.

Die andere Idee heißt Vier. Die Rechteckzahl findet sich in den eckig verkanteten Bewegungen, mit denen praktisch das gesamte 13-köpfige Personal (außer Meyerhold und, ab und an, Smith nebst seiner Geliebten Julia) unterwegs ist. Sie findet sich in der Gestalt von Bilder- oder Fensterrahmen, sich überlagernden Mondrian-Gevierten.

Die Buchstaben der Ortsangaben im Leuchtband haben ausschließlich rechte Winkel. Und wenn Smith (großartig in seiner Verletzlichkeit: Klaas Schramm) von O’Brien (als parteibediensteter Quäler eindringlich markant: Matthias Kleinert) dazu gezwungen werden soll, fünf erhobene Finger zu sehen, sind es in Wirklichkeit: vier.

Voigt, ihr Team und das gesamte, prächtig aufgelegte Ensemble bringen das Kunststück fertig, einen an theatralischen Potenzialen reichen Stoff ohne platte Gewaltexzesse zu bewältigen. Video und Licht, der Elektrosound und die unterkühlte Choreografie lassen die Schreckensbilder im Kopf entstehen.

Wenn Meyerhold (bestechend als wohlmeinender Hofnarr: Thomas Lichtenstein) exekutiert wird, fließt kein Tropfen Blut. Selbst die aus der „1984“-Verfilmung legendär gewordene Ratten-Szene im Folterzimmer funktioniert prächtig ohne jede Horrorästhetik. Auch bei den raren Liebesszenen von Smith und Julia (wundervoll frech und willensstark: Franziska Werner) setzt man auf gedankenstimulierende Andeutung; Agieren und Sprechen frei von Ekstase, denn die Bedrohung bleibt allgegenwärtig.

Seelische Kälte

Zu Recht vertraut diese überzeugende Inszenierung dem Intellekt und dem Einfühlungsvermögen der Zuschauer. Das Schlimmste, was sie ihrem Publikum antut – und auch das ist ein Kompliment! –, ist die Ausstellung der seelischen Kälte, mit der die vier (!) Kinder von Smith’s Nachbar Parsons (perfekt: Leonard Eisenberg, Philipp Bethke, Raphael Matz, Jonathan Schwanke) im Stile von Killerdrohnen agieren.

Und das Schönste? Eindeutig die Verführungsszene. Julia öffnet dem widerstrebenden Winston erst den Overall, danach zieht sie ihn mit den Zähnen im freigelegten Unterhemd zu sich.


Alle NWZ-Theaterrezensionen:   www.nwzonline.de/premieren 

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