Oldenburg - Eines vorweg: Es geht um die Wurst, genauer: um Fleisch. Und gleich hinterher: Trotz solch abschreckender Ausdrücke wie hedonische Hyperphagie oder präfrontaler Kortex muss man kein Uni-Seminar besucht haben, um dieses Drama zu verstehen. Und das ist vielleicht das Starke an Rebekka Kricheldorfs Stück „Das Haus auf Monkey Island“, das jetzt im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters uraufgeführt wurde: dass es auch mal mit Forscherkauderwelsch jongliert, dass es hochkluge Leute zusammenführt – die aber auf ihren sehr menschlichen Kern zurückgeführt werden.
Private Biografien
Vier Wissenschaftler, zwei Frauen und zwei Männer, sollen auf einer Luxusinsel die ultimative Werbestrategie für In-Vitro-Fleisch entwickeln, also für Fleisch aus dem Labor. Einmal ist vom sauteuren Frankenstein-Schnitzel die Rede, nach dem man die Leute süchtig machen will. Dafür sind die vier in der Villa. Doch das Haus, auf der Bühne von Thea Hoffmann-Axthelm ein abstrakter, weißer drehbarer Kasten, entwickelt ein Eigenleben: Es erfüllt geheimste Wünsche. Sind die vier, die eine Verführungsstrategie entwickeln sollen, am Ende selbst Laboraffen auf Monkey Island?
Das Schauspiel „Das Haus auf Monkey Island“ von Rebekka Kricheldorf ist im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters zu sehen.
Einmal im Jahr schickt das Staatstheater ausgewählte Autoren an das Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst, um sich vor Ort als sogenannte „Writer in Residence“ (in etwa mit einem Stadtschreiber vergleichbar) mit Wissenschaftlern auszutauschen. Während ihres mehrmonatigen Aufenthaltes am HWK kam die Autorin Rebekka Kricheldorf mit einer Neurobiologin in Kontakt, die ihr mit Rat und Tat bei ihrem Stück zur Seite stand.
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Regisseur Matthias Kaschig hat das Stück in 90 pausenlosen Minuten umgesetzt. Sehr geschickt werden private Biografien und allgemeine Manipulation verknüpft. Da ist zum Beispiel Hannes. Der langhaarige Brillenträger wirkt in seinem knittrigen Leinenanzug wie ein Hippie-Lehrer aus den 80er Jahren. Thomas Birklein grübelt als Soziologe und leise zur Klampfe darüber, warum trotz seiner Eigenanalyse alle seine Beziehungen scheitern.
Helen Wendt ist im Hosenanzug als Ann die intellektuelle Domina des Teams. Sie will strukturiert arbeiten, ähnlich wie Andre (Johannes Schumacher), der sich mit Sport stählt und den vollmotivierten Werbefuzzi gibt. Caroline Nagel wirkt als Biologin Kristina in ihren Gesundheitstretern wie eine eiserne Grüne, immer bereit, die Welt vor Unbill zu retten.
Mix der Mittel
Wieder und wieder und schön schnell wird im Schlagabtausch das große Thema Manipulation durchgetalkt – um am Ende bei persönlichen Problemen zu landen. Dabei entgleitet den Figuren die eigentliche Aufgabe. Sie treten auch mal an die Rampe und beichten ihre Lebensniederlagen.
Die Arbeitsgruppe wird zur Therapiestation. Die Fassade der Erfolgstypen bröckelt. Ann war früher fett und süchtig nach Chips? Schon baumelt, vom unheimlichen Haus gesteuert, eine Chips-Tüte aus dem Bühnenhimmel.
Der familiär gescheiterte Andre sorgt für einen Running-Gag: Immer wenn Knitter-Anzug-Hannes eine qualmt, schleicht sich Sport-Andre an, verlangt nach der Fluppe, schnüffelt nur daran und haut ab – ein Süchtiger kämpft gegen seine Sucht.
Der Mix der Mittel trägt zum Erfolg des Dramas bei. Da ist die leichte Komik, die Liebe als „temporären Hirnschaden“ sieht. Die Männer, nicht gerade eingefleischte Vegetarier, skandieren mal witzig „Wir wollen Wurst!“. Da sind kernige Videos eingebettet. Und da sind vor allem vier gute Schauspieler, die nachdenklich machendes Theater liefern. Das kann uns doch nicht Wurst sein.