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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Hinterhältiges Ende eines Traums

07.05.2018

Oldenburg Psst, Geheimtipp! Das Große Haus im Staatstheater knapp zehn Minuten vor Schluss der Oper „La Cenerentola“ von Gioachino Rossini auf Zehenspitzen verlassen. Tür vorsichtig anlehnen. Das wäre nach einem Beginn um 19.30 gegen 22.10 Uhr. Da erkennt gerade Prinz Don Ramiro sein geliebtes Aschenputtel am silbernen Armband wieder. So weit nimmt man garantiert den Zauber einer traumhaften Inszenierung mit nach Hause.

Versteckte Bitternis

Axel Köhler hat das Märchen um das vermeintlich hässliche Entlein, dessen innere Werte gegenüber den aufgeplusterten Stiefschwestern vom hohen Herrn erkannt werden, mit Schwung und Witz inszeniert. Er erreicht Tiefe, weil er karikierende Elemente neben ironische Distanz setzt, durchaus das Absurde streift und die versteckte Bitternis spüren lässt.

Ein dezenter Humor greift bis in die Musik hinein, wenn etwa das Fortepiano ein Rezitativ mit einem der Pomp-and-Circumstance-Märsche einleitet. Es ist die faszinierende Kunst dieser Inszenierung, dass sie auch mal auf Klamauk zusteuert – ihn aber immer mit feiner Eleganz umgeht.

Die Bühne von Arne Walther holt das Werk von 1817 ins Heute eines Hinterhofs. Was im Etablissement nach vorne hinaus betrieben wird, bleibt der Fantasie überlassen. Schon der Einschub in die Ouvertüre macht kurz mit dem Milieu vertraut. Doch gerade gegen dessen Tristesse heben sich die Figuren ungemein plastisch ab. Zwischen der real prekären und der geträumten aristokratischen Welt pendeln unter- und höherklassige Akteure per Kutsche, flankiert von einer schwarz gekleideten Herrenriege mit Zylindern (Einstudierung Felix Pätzold). Da lässt es sich schon ahnen, wenn die finsteren Gestalten einen Tisch wie eine Bahre hereinschieben: Irgendwann steht eine Beerdigung an.

Rossinis Girlanden, Ornamente, Klettereien, Zungenbrechereien und weite Bögen mögen der Geläufigkeit von nicht-italienischen Sängern zusetzen. Doch hier kommt das Ensemble bei allen vertrackten Wendungen kaum in Bedrängnis, es wirkt fast verliebt in die Tonschlangen. Philipp Kapeller (Don Ramiro) geht nie ein angestrengter Ton über die Lippen. Er behält als verkleideter eigener Diener die vornehme Diktion.

Der ihn als Graf vertretende Davide Fersini (Dandini/Alternativbesetzung Daniel Moon) legt den bäuerlichen Unterton passend nicht ab. Joao Fernandes (Don Magnifico) glänzt in der Paraderolle als großspuriger aber mit den Töchtern überforderter verarmter Baron stimmlich und darstellerisch. Den edlen Part gibt Tomasz Wija als Fäden ziehender Alidoro.

Als Cenerentola/Angelina besticht Yulia Sokolik (Alternativ Hagar Sharvit) mit ihrem psychologisch rollengerechten Chargieren zwischen Weichheit und Härte. Alexandra Scherrmann (Clorinda) und Melanie Lang (Tisbe) überzeichnen die durchgeknallten Schwestern mitreißend.

Aus dem Graben rollen die Drehwurm-Walzen schwindelerregend an. Vito Cristofaro kontrolliert und befeuert die Steigerungen mit dem höchst animierten Staatsorchester, lässt den Schöngesang funkeln. Alles fließt, nichts ruckelt. Und den dazwischen so wichtigen ruhigen Passagen gibt der Dirigent Zeit zum Wirken. Das Orchester steht unter der Sängerriege wie ein Trampolin für Salti und Sprünge.

Hochverdienter Beifall

Nach 22.10 Uhr löst die Regie den Traum auf, es war ja nichts anderes. Das macht sie handwerklich brillant. Entgegen dem Libretto bleibt eine Tote zurück, zudem Figuren, denen der Lebensinhalt genommen ist, weil sie niemanden mehr schikanieren können, was man heute mobben nennt. Das Publikum spürt nach mehr als zwei Stunden Hochstimmung unvermittelt einen Schlag in den Magen. Dieser hinterhältige Stimmungstöter bremst sogar den hochverdienten Beifall etwas aus.


Alle NWZ-Theaterkritikens unter   www.nwzonline.de/premieren 

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