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NWZonline.de Nachrichten Kultur

All die Alltagsprobleme im All

13.01.2020

Oldenburg Was wäre, wenn die Mondlandung doch nicht stattgefunden hat? Wenn der „Adler“ niemals auf dem einzigen natürlichen Satelliten der Erde gelandet wäre? Wenn Astronaut Neil Armstrong im Juli 1969 seinen Fuß stattdessen in den Staub eines Fernsehstudios gesetzt hätte? Dann wäre die Sehnsucht der Menschheit und das Streben nach einer höheren Macht, einem entfernteren Ziel, dem roten Planeten, nur schwer
erfüllbar gewesen.

Zudem hätte das Publikum „Mission Mars“ von Regisseur Kevin Barz verpasst. Und das wäre wirklich ein großes Dilemma gewesen. Die Uraufführung des neuen
Stückes des Autors Björn SC Deigner am Oldenburgischen Staatstheater nahm am Freitagabend die Zukunft voraus und simulierte die Wirklichkeit: „So könnte es werden!“ statt „Was wäre wenn?“

Heimlicher Star der Inszenierung ist der Mars – oder vielmehr das, was Bühnenbildnerin Anika Wieners in der Exerzierhalle dazu gemacht hat. Im perfekten Zusammenspiel von Musik und Klang, Licht, Ton und Video sowie unter Zuhilfenahme von 600 Kilogramm roter Linsen als Marsoberfläche schufen die Gestalter eine schwer beeindruckende Atmosphäre, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Die Hülsenfrüchte sollen übrigens weiterverarbeitet werden, heißt es, was vermutlich zusätzliche Experimente mit dem menschlichen Körper nach sich zieht.

Björn SC Deigner, geboren 1983 in Heidelberg, ist Autor, Hörspielmacher, und er komponiert für Hörspiele und für das Theater. „Mission Mars“ entwickelte er in der Zeit als „Writer in Residence“ am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst. Im Austausch mit Wissenschaftlern spürte er der Frage nach, ob unsere Forschung hinfällig wird, wenn wir in einigen
Jahren eine zukunftsfähige Kolonie auf dem Mars etabliert haben. Oder, ob wir all unser Wissen auf einen neuen Planeten übertragen können?

Franziska Werner (Alex), Matthias Kleinert (Ulf) und Fabian Kulp (Christian) sollen die ersten Menschen auf dem Mars sein. Sie werden in allerlei biologischen, chemischen, physikalischen und medizinischen Experimenten von „Ted Talker, Mission Support“ (Tobias Schormann) darauf vorbereitet. Ihre menschlichen Bedürfnisse und zwischenmenschlichen Konflikte müssen sie dagegen allein oder untereinander bewältigen.

Das klappt hinlänglich gut – allerdings unterscheiden sich Sozialkompetenz und Empathiefähigkeit in der Schwerelosigkeit oder auf anderen Planeten wohl nicht von denen auf der Erde: Zauderer bleibt Zauderer, Bestimmer bleibt Bestimmer, und ein Kotzbrocken bleibt auch im All ein Kotzbrocken.

In der Dramaturgie von Anna-Teresa Schmidt gerät die Mission im Fortschreiten der 90-minütigen Inszenierung immer weiter aus dem Blickfeld. Stand zu Beginn das größte Vorhaben der Menschheitsgeschichte im Mittelpunkt, geht es am Ende nur noch ums nackte Überleben. Dafür braucht es keine Aliens oder andere über- und außerirdische Kräfte: Das bisschen Selbstzerstörung schafft der Mensch – im Angesicht von Klimawandel, Umweltzerstörung und Ressourcenverschwendung – scheinbar mühelos gerade selbst.

Im Verbund mit elektronischer Musik von Daniel Dorsch auf einem analogen Synthesizer verdüstert sich die Lage im eindrucksvoll gestalteten Spielraum. Die Aufbruchstimmung ist Zukunftspessimismus gewichen. Das Pflänzchen Hoffnung bleibt der Mission allein in Gestalt eines selbstgezüchteten grünen Salats im Mini-Treibhaus.

Dem Untergang der Menschheit zu applaudieren, fällt allgemein schwer. Angesichts der tief beeindruckenden Inszenierung von „Mission Mars“ in Jubel auszubrechen, dagegen nicht. Das Publikum löste die eigene Spannung durch lang anhaltenden Beifall und atmete auf.


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Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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