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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Eine klebrige Sache im Staatstheater

16.04.2018

Oldenburg Dieses Drama ist klebrig. Eigentlich schildert „Zur schönen Aussicht“ das Leben in einem heruntergekommenen Hotel. Da die Absteige aber auf der Bühne des Kleinen Hauses im Oldenburgischen Staatstheater in ihrem Elend viel zu sehr glänzt und strahlt, ist vom Verfall kaum was zu sehen - doch alle Schauspieler watscheln, stochern und stöckeln über den Boden, als hätten sie Kaugummi oder Klebstoff an den Füßen. Eben doch den angehäuften, nie weggewischten Dreck der Herberge.

Horváths 1926 entstandenes, erst nach seinem Tod uraufgeführtes Stück schildert eine morbide, fiese Gesellschaft aus ein paar Hotelangestellten, die von einem einzigen Gast leben (besser: terrorisiert werden) - der affigen Freifrau von Stetten. Doch als eine junge Frau auftaucht, die angibt, die Geliebte des Hotelchefs und schwanger gewesen zu sein, gerät diese Welt ins Wanken. Und ähnlich wie in Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ schwanken die Sympathien – je nachdem, wer genug Geld hat, um alle auf seine Seite zu ziehen. Nicht nur das Hotel ist also bankrott. Die Menschen sind es auch.

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Regisseurin Lucia Bihler hat das Stück mal ganz anders inszeniert: Sie hat es voll durchstilisiert. Sie arbeitet mit Masken, tiefschwarzen Sonnenbrillen, viel bunter Lichtregie, hat hinten einen mächtigen, schrägen Spiegel (Bühne: Stefanie Grau) und eine Treppe ins Nichts eingebaut und lässt die Schauspieler in zwei pausenlosen Stunden wie in eine Groteske, wie in einer Comic-Adaption, wie in einer Voll-Satire auftreten. Wobei das Lachen, wenn es denn überhaupt kommt, schnell gefriert.

Da ist fast nichts mehr realistisch, da ist alles überdreht, exaltiert, schräg und sonderlich. Ungefähr so, als würde die Band Kraftwerk das Stück robotermäßig aufführen lassen. Selten sah man so konsequent durchgestyltes Theater, das zuweilen eine Ablenkung zu viel einbaut - wenn etwa eine echte weiße Ratte mitspielt.

Sieben Darsteller leisten in der Kunstwelt Schwerstarbeit. Nicht nur Jens Ochlast stakst da im Küchenkittel als Freiherr von Stetten auf klebrigem Boden wie der Storch im Salat herum. Thomas Lichtenstein wird als Riesenbaby in kurzen Hosen angelegt und beeindruckt mächtig, wenn er seine Füße aus dem Kleber hebt. Komödiantisch oder albern wird es in den drei Akten trotzdem nicht, soll es auch nicht werden. Denn die schrille Inszenierung setzt im Grunde Unterbewusstes in kuriose, albtraumartige, kleinbürgerliche Macho-Typen um. Sie zeigt uns, wie leicht der Mensch bis hin zu ekelhafter Brutalität beeinflussbar ist. Und wie furchtbar das ist. - Mächtiger Beifall. Mehr für die Inszenierung und die Schauspieler als für das Stück. Das ist letztlich recht vorhersehbar und – unter uns – nicht das beste von Horváth.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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