OLDENBURG - Im Jahr 2005 gab es viele junge Bands zu bestaunen. Auch einige bekannte Gesichter meldeten sich auf der Musikbühne zurück.

Von Karsten Krogmann

OLDENBURG - Achtung, im Anschluss lesen Sie eine Unwetterwarnung. Bitte halten Sie bis dahin Türen und Fenster geschlossen – und schalten Sie auf gar keinen Fall den Fernseher ein.

Denn sonst können Sie es nicht hören, das Lied des Jahres 2005. Es fing ja ganz leise an: Eine Akustikgitarre zupfte ein paar Akkorde, ein Klavier schlenderte die Tonleiter entlang, ein altes Wurlitzerpiano klingelte warm und weich. Dazu sangen sie ihre steinerweichenden Melodien: Bright Eyes, Rufus Wainwright, Adam Green. Auf der Bühne hörte sich das später ein bisschen anders an: Bright Eyes nahm Elektrowerkzeug zur Hilfe, Rufus Wainwright lud zur rosaroten Revueshow, Adam Green tanzte den Häschentanz. Die Musikparty 2005 war eröffnet.

Den Tanzboden beanspruchte zwar seit dem Vorjahr die britische Band Franz Ferdinand für sich, aber eine CD ist natürlich viel zu wenig für so eine Feier. Bloc Party halfen aus, die Kaiser Chiefs, Maximo Park, The Futureheads. Eine junge Britpop-Hymne nach der anderen tobte durch die Szeneclubs, bis Franz Ferdinand gerade noch rechtzeitig ihr zweites Album veröffentlichten.

Zwischenzeitlich wurde es laut. Eine Band namens And You Will Know Us By The Trail Of Dead erinnerte sich des aus der Mode gekommenen Progrocks. The Mars Volta fügten ein paar folkloristische Spielarten hinzu, System Of A Down verdoppelten das Tempo. Es war Sommer, die Etats der CD-Käufer wurden knapp, und dann kamen auch noch die Konzerte.

Die Hardrocker System Of A Down traten beim „Hurricane“-Festival in Scheeßel vor rekordverdächtigen 60 000 Menschen auf. Franz Ferdinand wagten sich als erste Britpop-Band in große Konzertarenen. Der Trend ging zur großen Geste, also reanimierte Sir Bob Geldof nach 20 Jahren sein Mammutfestival „Live Aid“ und benannte es zeitgemäß in „Live 8“ um. Alle Superstars machten mit, nur Franz Ferdinand fehlten, weil Gitarrist Nick Hochzeit feierte.

An „Live 8“ nahm auch der reichste Musiker der Welt teil, Sir Paul McCartney. Er bekam viel Applaus für seine alten Lieder, hätte aber noch mehr für seine neuen verdient: Mit „Chaos And Creation In The Backyard“ legte der 63-Jährige wenig später die beste Platte seiner Solo-Karriere vor. Überhaupt mochten die Alten das Feld 2005 nicht allein dem Nachwuchs überlassen: Cream spielten erstmals seit 37 Jahren wieder live, Kate Bush tauchte aus der Versenkung auf, die Rolling Stones nahmen ihre übliche Wir-gehen-bald-wieder-auf-Tournee-CD auf. In Deutschland erinnerten derweil die bekannten Gruppen Element Of Crime, Tocotronic und Kettcar daran, dass deutschsprachige Rockmusik keineswegs eine Erfindung der jungen Band Wir sind Helden ist.

Es folgt nun die Unwetterwarnung: Nach dem grandiosen Musikhoch 2005 könnte es im kommenden Jahr bitter kalt werden. Im Fernsehen kreischen sie sich nämlich schon warm, die RTL-„Superstars“ von 2006: Mit bebendem Kinn äffen sie Britney und Spears nach – im treuen Glauben, ein tremolierendes Vibrato ersetze das musikalische Gefühl. Dieter Bohlen vergibt Noten und Plattenverträge, und wir Musikfans müssen uns wieder ganz warm anziehen.