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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Sammlung: Weingläser aus dunkler Vergangenheit

05.12.2019

Oldenburg Ein Mensch mit weniger Ausdauer und Zuversicht würde vermutlich verzweifeln. Doch Dr. Marcus Kenzler gestattet sich für seine Zukunft allenfalls das Wort „frustrierend“. Denn wenn der Oldenburger Provenienzforscher in 20 Jahren in Rente geht, wird seine Arbeit am Sammlungsbestand des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte nicht einmal annähernd beendet sein. Aber wer könne schon wissen, fragt der 47-Jährige optimistisch, welche modernen Recherchemethoden ihm bis dahin noch zur Verfügung stehen?

In der Tat hat sich die Provenienzforschung allein seit 2011 – seitdem ist Kenzler am Landesmuseum beschäftigt – rasant entwickelt. 320 Provenienzforscher gibt es inzwischen europaweit, davon 274 in Deutschland. Im Jahr 2011 war Kenzler „Nummer 34“. Gemessen an der Zahl der relevanten Häuser seien das aber immer noch zu wenig, sagt er. Zudem steht die Forschung unter immensem Zeitdruck: „Man hätte viel früher anfangen müssen.“ Nun gestaltet sich die Spurensuche immer schwieriger.

Spürsinn und Geduld

Rund 20 400 Objekte muss der Provenienzforscher im Landesmuseum unter die Lupe nehmen und herausfinden, woher sie stammen, wie sie ins Haus gelangten und ob sie „belastet“ sind, das heißt aus jüdischem Besitz stammen, und ob sich die ursprünglichen Eigentümer unter Zwang von ihnen trennen mussten. Manches könne er sofort als unbedenklich abhaken, erzählt er, an anderen Fällen arbeitet er jahrelang.

Wie viel er schon geschafft hat? Kenzler zieht die Stirn in Falten: „Ein Zehntel?“ Aktuell forscht er an 20 Raubgut-Objekten – mit detektivischem Spürsinn und Geduld.

Längst geht es in der Provenienzforschung nicht mehr nur um große Sammlungen, um wertvolle Gemälde und Millionenwerte, sondern um Gebrauchs- und Alltagsgegenstände, die unter fragwürdigen Umständen in die Haushalte von Privatleuten gelangt sind. Und deren Zahl ist naturgemäß unermesslich hoch.

Das Thema „NS-Raubgut in Privatbesitz“ werde immer wichtiger, sagt Kenzler. Wie es damit weitergehen soll, wird am 10. Dezember in Göttingen besprochen, bei einem bundesweiten Treffen mit Forschenden und einer Vertreterin des Deutschen Zen­trums für Kulturgutverluste. An dem Thema seien auch das United States Holocaust Memorial Museum in Washington und die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sehr interessiert.

Gerade diese vermeintlich unscheinbaren Objekte, erläutert Kenzler, seien besonders geeignet, von Schicksalen zu erzählen, an Menschen zu erinnern und sie aus dem Dunkel des Vergessens zu holen. Und oft sind diese Objekte – sofern die Erben der Vorbesitzer ermittelt werden können – das Einzige, was sie noch von ihren Vorfahren haben. Diese Vorstellung bringt jemanden wie Kenzler dazu, „immer weiter zu forschen“.

Zweimal ist es ihm gelungen, nicht nur die Herkunft der Objekte zu bestimmen, sondern sie auch an die Erben der ursprünglichen Besitzer zurückzugeben, sie zu restituieren. Zuletzt wurde 2018 ein Renaissance-Schrank an die alleinige Erbin des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goud­stikker (1897–1940) in Amsterdam zurückgegeben. Sie verkaufte das Möbelstück dem Landesmuseum, das den Schrank aus dem frühen 17. Jahrhundert nun im Schloss präsentiert.

Wenige Zeugnisse

Weitaus weniger voluminös sind die vier Objekte, die Kenzler nach seinen jüngst abgeschlossenen Recherchen zum Fall der Familie Insel zur Restitution empfohlen hat: zwei Süßweingläser und zwei Porzellantassen. Drei der vier Objekte schenkte Henny Insel 1936 dem Landesmuseum, eines wurde verkauft – für fünf Reichsmark. Das Ehepaar Insel hatte in Oldenburg eine komfortable Wohnung in der Roggemannstraße 25. Kaum zwei Wochen später zog es mit seiner Tochter in eine kleinere Neubauwohnung nach Hannover. Freiwillig? Vermutlich nicht.

Offenbar war das Ehepaar gezwungen gewesen, sich noch von mehr Dingen zu trennen, denn im Nachlass des ehemaligen Museumsdirektors Walter Müller-Wulckow fand sich eine Liste, auf der unter anderem auch ein nicht näher beschriebenes Gemälde steht. Besonders beschämend findet Kenzler die Preise, die durchgestrichen und durch neue ersetzt wurden – um die Hälfte reduziert.

Da sich das Gemälde nicht im Bestand des Museums befindet, ist davon auszugehen, dass der Gründungsdirektor es privat erworben hat. Den Spuren des Ehepaares konnte der Provenienzforscher folgen: 1939 Emigration nach Amsterdam, wo bereits der Sohn lebte. 1941 wurde die vierköpfige Familie verhaftet und 1942 ins Vernichtungslager Sobibor verschleppt, wo sie ermordet wurde.

So gehören die Tassen und Gläser zu den wenigen Dingen, die bezeugen, dass die Familie Insel überhaupt existiert hat.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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