Oldenburg - „Es ist ein komisches Gefühl“, sagt Klaas Schramm. Der Theater-Schauspieler sitzt in der Kaffee-Bar des Oldenburgischen Staatstheaters, trinkt abwechselnd etwas Kaffee und Wasser, schaut durch die großflächigen Fenster nach draußen.
„So wenig gespielt habe ich glaube ich noch nie in meinem ganzen Arbeitsleben“, erzählt Schramm. Und dabei ist der 45-Jährige bereits seit vielen Jahren im Geschäft, seit 20 Jahren immer fest engagiert. 20 Jahre lang vier bis sechs Stücke pro Jahr rausgebracht und die alten Stücke weitergespielt. „Dann auf einmal so auf Null gesetzt zu sein, das ist schon komisch.“
Der Arbeitstag des Schauspielers sieht „im Moment sehr zerstückelt aus“. Schließlich müssen neben dem Beruf auch die zwei kleinen Töchter betreut werden – seine Frau arbeitet ebenfalls im Theater. Frühmorgens, bevor die Kinder aufwachen, übt Schramm bereits Text. „Ich versuche, es über den Tag so zu verteilen, dass ich genügend Text lernen kann“ – beispielsweise für sein Solo im Stück „Nipple Jesus“ oder auch für das Jugendstück Parsifal. Vorstellungen gibt es natürlich gerade nicht. Alles Vorbereitung für die Zeit, in der er endlich wieder richtig auf der Bühne spielen kann.
Aktuell sieht das recht einsam aus: Lediglich bei den Proben darf Klaas Schramm etwas Bühnenluft schnuppern. Anfangs gab’s diese noch per Videokonferenz, später dann auf Abstand im Großen Haus. Um Leerlauf zu vermeiden, überlegte sich der Schauspieler zwischendurch Videoclips für die Facebookseite des Staatstheaters: „Kleinigkeiten, Gedichte oder mal ein Lied.“
Irgendwie zwischen der Kinderbetreuung Zeit zu finden, war nicht immer einfach: Arbeiten mit Hindernissen, sagt Schramm. Auch er bemerkte die Betreuungsproblematik.
Wird bald wieder auf der Bühne stehen: Schauspieler Klaas Schramm. Die Sitzplätze wurden bereits ausgedünnt. (Foto: Stephan Walzl)
Über was hat er so nachgedacht, in der Krise, gerade beruflich?
„Was bin ich, wenn ich nicht spiele...“ Das sonst große Spektrum an Themen, Stücken, Spiel und Ausdruck fiel plötzlich weg. „Man kann sich nicht ausdrücken, man hat auch nichts für den Kopf“, beschreibt es der 45-Jährige. Die sonst vielfältigen Themen gaben stets einen Gedankenanstoß – auch zu solchen mit denen man sich eher weniger beschäftigt. Bei dem Stück „Gott“ etwa die Sterbehilfe.
Die Corona-Krise hat den Blick auf seinen Beruf verändert. Den Stempel „systemrelevant“ hat die Kultur nicht abbekommen. Zu Unrecht, wie Schramm findet: „Wir sind ein großer Faktor für die Demokratie und bringen den Leuten auch schwierige Inhalte nah.“ Klar könnte dies Fernsehen auch, „wir können es aber auf eine künstlerische und überhöhte Art und Weise durch Theaterstücke“, erklärt der Schauspieler.
Klaas Schramm wurde 1974 in Essen (Nordrhein-Westfalen) geboren. Seine Schauspielausbildung erhielt er an der Hochschule für Musik und Theater in Saarbrücken. 2010 spielte Schramm übrigens im ZDF Spielfilm „Schlaflos in Oldenburg“ mit.
Seit 2005 ist Klaas Schramm am Oldenburgischen Staatstheater engagiert. In der Spielzeit 2019/20 war der gebürtige Essener beispielsweise im Stück „Überleben“ zu sehen, aber auch in „The Rocky Horror Show“, „Gott“ oder „Romeo und Julia“.
Gerade die freiberuflich Tätigen würden in dieser Zeit viel zu sehr unterschätzt – und im Regen stehen gelassen. „Freie Künstler, Bühnenbildner, Musiker, alle die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, damit wir in unserer Freizeit Spaß haben, haben es wirklich schwer im Moment.“
Und wenn die Corona-Krise ein Theaterstück wäre – oder werden würde – wie wäre der Titel? „Allein“, sagt Klaas Schramm verschmitzt und lacht. „Oder Quarantäne, irgendwas in diesem Bereich. Das wäre dann eine klassische Inseldramaturgie.“ Auf einmal ist Quarantäne und man müsse mit dem Partner zuhause sitzen, den man vielleicht gar nicht mehr liebt. Oder wenn die Kinder einfach machen, was sie wollen – und die Wohnung wird in einen riesigen Kinderspielplatz umgebaut. „Oder einfach ein Stück über das, was wirklich wichtig ist im Leben. Was der Mensch braucht außer Klopapier und Nudeln“, meint Schramm. Nämlich Kontakt.
