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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wo die böse Stiefmutter zum Schönheitschirurgen geht

29.09.2018

Oldenburg Es rumpelt und pumpelt in den Kulissen. Der König naht. Pavel Möller-Lück poltert auf die Bühne und spielt den König fein als Trampel. Seine Fantasieuniform mit dicksten Epauletten darf uns nicht täuschen: Der Mann hat nichts zu sagen. Aber das sagt er ganz wunderbar. Die Stiefmutter von Schneewittchen hat die Hosen an. Schon klagt der König: Sein Schicksal sei es, überflüssig zu sein. Nur einen Satz im Märchen haben ihm die Brüder Grimm gegönnt – wenig genug, aber ausreichend, um Lacher auszulösen. Und schon sausen wir in das Märchen um eine mörderische Stiefmutter und ein übel mitgespieltes, später mit Gift ermordetes Mädchen, das nach zweieinhalb Stunden zu den Klängen von John Lennons „Imagine“ errettet wird.

Ein Märchen aus lauter Gags? Von wegen. Dem Oldenburger Theater Laboratorium ist mit „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ ein feinhumoriges, nie auf Witzeleien getrimmtes Stück gelungen. Sicher, das Märchen wurde in die Moderne transportiert aber es wurde mit Geist und Charme überzuckert. Pierre Schäfer hat das Stück flüssig inszeniert, gespielt wird es in vielen Rollen von Barbara Schmitz-Lenders, Pavel Möller-Lück und Fariborz Rahnama.

Die Handlung wird in den heutigen britischen Hochadel verlegt. Die alternde Königin und Stiefmutter liebt nur sich, schminkt sich gern, bestreitet Charity-Veranstaltungen, hat einen Mafia-Typen als Personenschützer und jettet zum Shoppen nach Paris – auch so eine urkomische Szene mit Möller-Lück als Heiteitei-Modemacher mit Hündchen auf dem Arm. Und da haben wir noch gar nicht von Schneewittchen gesprochen, einer mittelgroßen, eher traurigen Puppe, die wechselnd von diesem und jenem geführt wird als sei es das Natürlichste der Welt, Puppen in ein Drama zu integrieren. Das ist es natürlich nicht, und deshalb umso mehr zu loben. Die Figuren von Mechthild Nienaber sind einfallsreich und eindrücklich: Hier einige der sieben Zwerge, dort der langhaarige Musiklehrer von Schneewittchen, am allerputzigsten ein überkluger Sigmund Freud.

Trotz aller Einfälle zerfällt die Geschichte nicht in eine Revue. Die Musik wandelt zwischen Barock und Beatles, die Bühne ist funktional gehalten, hat drei Türöffnungen mit drei Vorhängen, was vieles ermöglicht. Rechts findet sich der Zauberspiegel der bösen Stiefmutter („Aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr“), die an diesem Abend mit Barbara Schmitz-Lenders in ihrer ganzen Zartheit und Schlankheit eher melancholisch, vom Beautywahn getrieben daherkommt.

Möller-Lück spielt den König, dazu einen Schönheitschirurgen und einen Journalisten und herrlichst führt er die Figur des Freud, zündet im breitesten Wienerisch wahre Lachsalven. Die Aufführung ist so klug, einige Deutungen des Märchens gleich aufzunehmen, sei es bei zwangsneurotischen Zwergen oder eben Freuds Geschwafel über eine narzisstische Stiefmutter. Dass jede Geste sitzt, ist in dieser Privatbühne noch selbstverständlich, ebenso die Liebe zum Detail. Anders gesagt: Wen dieser Abend nicht bezaubert, den kann nichts bezaubern.

Allerdings verflog der Zauber wenige Minuten nach der Premiere. Es wurde ernst. Theaterleiter Pavel Möller-Lück beklagte nach dem mächtigen Schlussapplaus von der Bühne herunter die viel zu geringe Unterstützung durch die Verantwortlichen der Stadt Oldenburg und die dadurch überstarke Belastung seines kleinen Hauses.

Das Theater Laboratorium hat bundesweit den allerbesten Ruf. Diese Bühne ist seit Jahren pure Werbung für Oldenburg. Wenn es diese Stadt wirklich schafft, dieses Kleinod in Schwierigkeiten zu bringen, sollte man diese Stadt umbenennen. Am besten in Kleinkleckersdorf.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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Theater Laboratorium | Mafia | The Beatles

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