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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Strippen mit Philosoph Karl Marx

17.04.2019

Oldenburg Der muskulöse Herr zieht blank. Zunächst kommt er im Monsterkostüm mit Maske. Dann schält er sich tanzend aus den Klamotten und steht plötzlich im Supermannkostüm da.

Schließlich zieht er sich ganz aus, denn er ist ein professioneller Stripper. Er strippt auf Einladung im Foyer der Berliner Humboldt-Uni. Und vor dem berühmten Satz von Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Man sieht nur Hände

Der nackte Muskelmann hat garantiert nicht die Welt verändert, aber er hat es in eine Schwarz-Weiß-Foto-Serie geschafft. Wie wird so was Kunst? Das ist eine Performance, sagt der organisierende und dokumentierende Künstler Tadej Pogacar aus Slowenien. Die Aktion, die von den geladenen Zuschauern in der Uni beklatscht wurde, gehört zu einem von vielen Projekten Pogacars, der sich seit Jahren mit „Sexarbeit“ befasst. Das Thema steht nun im Zentrum einer Schau von sechs Künstlern, die auf zwei Geschossen im Oldenburger Edith-Russ-Haus für Medienkunst anläuft.

Wer sich vor dem Besuch der Ausstellung beim Signalwort Sexarbeit auf ekligen Schmuddelkram oder knisternde Erotik einstellt, hat die falsche Einstellung. Es geht um Gewerkschaftsarbeit, Anonymität und vor allem um Dokumentation. Die Schau heißt „Red Umbrella Struggles“, was sich behelfsmäßig mit „Rote Regenschirmkämpfe“ übersetzen ließe. Rote Regenschirme gelten als internationales Symbol für Sexarbeiter, die für ihre Rechte kämpfen.

Wie man wohnt: Werk von Lilla Szász von 2010 BILD: Lilla Szász

Zur Schau

Die Ausstellung „Red Umbrella Struggles“ („Rote-Regenschirm-Kämpfe“) wird an diesem Mittwoch um 19 Uhr im Oldenburger Edith-Russ-Haus für Medienkunst eröffnet (Katharinenstraße 23). Um 17 Uhr gibt es bereits eine Podiumsdiskussion. Die Schau läuft bis zum 23. Juni. Zu den Künstlern gehören Petra Bauer und Scot-Pep, Louise Carrin, Ditte Haarlov Johnsen, Daniel Jacoby, Tadej Pogacar und Lilla Szasz. Geöffnet: dienstags bis frei. 14–18 Uhr, samstags, so. 11–18 Uhr.

Künstlerin Petra Bauer hat mit Scot-Pep, einer schottischen Organisation, die großformatige Video-Installation „Workers!“ geschaffen. Gedreht wurde in Schottland im Haus einer Gewerkschaft. Die Sexarbeitenden wurden bei dem eintägigen Kongress gefilmt – und schon wird ein typisches Thema von Sexarbeit deutlich: die Anonymität der Akteure. Man sieht nur Hände, hört nur Stimmen, sieht allenfalls Personen von hinten. Das Video wird Teil eines Kampfes: Die Sexarbeitenden wollen mehr Rechte, wollen wahrgenommen werden – obwohl man sie nicht sehen kann. Ein Dilemma.

Allen Künstlern, auch Louise Carrin, Ditte Haarlov Johnsen, Daniel Jacoby und Lilla Szasz, ist bei den meist langfristigen Arbeiten klar, wer die Experten sind: die Betroffenen selbst, die von ihrem Leben und Leiden erzählen. Eine Prostituierte stellt gleich klar, dass sie drei Jobs hat: Mutter, Hausfrau und Sexarbeiterin.

Künstler Pogacar weist in Videos und Bildern darauf hin, dass Sexarbeiter eine „ander Ökonomie“ pflegen. Und ökonomisch denken müssen. In Downtown New York zieht ein Mann aus Protest an einem Band ein paar Frauenstöckelschuhe hinter sich her. Er schlendert damit über den Times Square. Der Hintergrund? Die Prostituierten sollten aus der Innenstadt verdrängt werden.

Gebrauch der Lüste

Lilla Szasz hat einen Raum mit bunten Fotos gefüllt. Sie zeigt, wie Sexarbeiter wohnen und arbeiten. Zwei Männer und eine Frau bilden eine Art WG und Familie. Die Wohnstätte ist auch Arbeitsplatz. Ist das skurril, traurig, voyeuristisch oder nur informativ? Wohl alles zusammen.

Zur Vertiefung des Thema gibt es im oberen Raum des Edith-Russ-Hauses einen großen Tisch mit Kopfhörern, Broschüren und klugen Büchern, darunter von Michel Foucault, der vom „Gebrauch der Lüste“ erzählt. Wird das so eine mehrheitsfähige Ausstellung? Nein, bestimmt nicht. Aber das will es auch nicht sein. Es ist ein spezieller künstlerischer Zugang zu einem tabuisierten Thema. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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