Oldenburg - Ästhetik und ein hoher Anspruch sind bei der Oldenburger Ballettcompagnie voneinander nicht zu trennen: Gleich mit drei Choreografien von drei Choreografen wurde am Samstagabend die Eröffnungspremiere im Großen Haus des Staatstheaters gestaltet. Ein tänzerischer Marathon zu drei völlig unterschiedlichen Handschriften – eindrucksvoll, allerdings mitunter auch sperrig und musikalisch gewöhnungsbedürftig.
Rhythmisches Klacken
Den Anfang machte ein Ausflug in die Historie: eine verkürzte Version von „Dark Meadow“ (Musik: Carlos Chávez) von Martha Graham aus dem Jahr 1946. Ihre Arbeiten revolutionierten einst die Tanzwelt.
Im Hintergrund der leeren Bühne leuchtet eine Fläche in Terrakotta, passend zur Farbe der Kostüme. Zwei Protagonisten ragen heraus: „Eine, die sucht“, die weibliche Hauptfigur, und ein männliches Pendant. Gleichsam eingerahmt werden sie von den anderen – „die, die zusammen tanzen“, was anfangs folkloristisch anmutet.
Statt in die Höhe zu weisen, ist die Bewegungssprache von Martha Graham der Schwerkraft verpflichtet: Rhythmisch und synchron klacken die Fersen auf den Bühnenboden, Hebungen orientieren sich an der Horizontalen, im Pas de Deux verschmelzen die Gliedmaßen zu seltsamen, aber schönen Körperbildern. Letztlich bleibt die Choreografie „Dark Meadow Suite“ abstrakt und wirkt – bei aller Eleganz – etwas angestaubt.
Erzählerisch geht dagegen der Oldenburger Ballettdirektor und Chefchoreograf Antoine Jully vor. Das Bühnenbild für die Choreografie „Su una nota sola“ (dt.: Auf einer einzelnen Note) ist fast schon überfüllt: Allerlei Plastikgetier steht herum, zwei Stühle und ein Holzkäfig hängen in der Luft sowie das Bild eines artifiziellen Waldes in Schwarzweiß, in dem eine orangefarbene Kugel strahlt. Etwas Ähnliches fährt am Anfang von oben herab vor die Nase einer Tänzerin: Und Eva beißt kraftvoll hinein.
Ein einziger Ton
Die Vertreibung aus dem Paradies ist der Ausgangspunkt der Choreografie, in dem Adam und Eva mühsam versuchen, auf Erden heimisch zu werden und offenbar in der Steinzeit anfangen: Die Tänzer schleppen Mammutzähne und Baumstümpfe. Die Bewegungen wirken wie Ritualtänze aus vorsprachlicher Zeit, als es das Wort Frau noch gar nicht gab, sie aber schon schuldig war. Einzelne Tänzerinnen werden verschleppt, bedroht und eingesperrt. Sexismus ist also keine Erfindung der Moderne.
Das alles ist durchdacht und stimmig, tänzerisch aber gleichsam abgekoppelt. Die Komposition von Giacinto Scelsi basiert, analog zum Titel der Choreografie, nur auf einem einzigen Ton, variiert von zahlreichen Instrumenten, der in ohrenbetäubender Lautstärke an- und abschwillt. Düster, bedrohlich und enervierend bietet er keinerlei Ansatz, sich mit den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer zu synchronisieren.
Das ist in der „anarchistischen Einheit“ der Choreografie A.U.R.A. von Jacopo Godani schon anders. Die elektroakustische Experimentalmusik des Duos „48nord“ geht mit dem gesamten Ensemble eine Art Symbiose ein. Sind es zu Beginn nur zwei Tänzerinnen im Lichtkegel, formieren sich nach und nach immer neue Gruppen, bis sich schließlich eine uniforme Masse in einheitlich schwarzen Trikots herausbildet. Deren raue Bewegungssprache zu treibenden Rhythmen erinnert an militärischen Drill.
Rasanter Abschluss eines fast zweistündigen Abends (inklusive zwei Pausen), der auch an das Verständnis des Publikums einige Ansprüche stellt. Der Applaus aber ließ nicht auf sich warten.
