Oldenburg - Im 19. Jahrhundert gehörte die Bildungstour durch Italien für Künstler unabdingbar zum Lebensentwurf. Auf den Spuren des verehrten Goethe reiste auch Felix Mendelssohn Bartholdy zwei Jahre durch Italien. In Rom traf er 1830 einen der wichtigsten Komponisten der Zeit, Hector Berlioz, und freundete sich mit ihm an.
Auf beide wirkte Italien magisch, beide ließen sich zu einem bedeutenden Werk anregen: aber wie sehr verschieden fiel das Ergebnis aus. Berlioz brachte die Konzertouvertüre „Le corsaire“ vital und überschäumend zu Papier.
Der Pirat, musikalisch in Szene gesetzt vom vortrefflich einstudierten und energisch aufspielenden Oldenburgischen Staatsorchester unter der antreibenden Leitung von Vito Christofaro, ist ein zutiefst emotionaler und intensiver Charakter mit einer enormen charakterlichen Polarität – ebenso zärtlich wie mitleidslos, ebenso edelmütig wie unerbittlich. Dazu korrespondiert die aufgewühlte See des Mittelmeers. In immer neuen Anläufen, rasenden Streicheraufschwüngen und teils hektisch-schrillen Bläsereinsätzen verdichtet sich die Dramatik.
Bei Mendelssohn ist Italien duftig, luftig, heiter. Was an Dramatik zitiert wird, entstammt der Welt des Volkstanzes. Der rondoartige Schlusssatz endet zwar völlig untypisch in einer Moll-Tonart, obwohl er deutlich hörbar in Dur begann. Die Verschiebungen sind keinem zwiespältigen Charakter oder den aufgewühlten Elementen geschuldet, sondern einem italienischen Volkstanz, dem temporeichen Saltarello („kleiner Sprung“), der dynamisch und energisch interpretiert wurde, aber auch geheimnisvoll-irrlichternde Momente kennt, die das quirlige Geschehen nicht unterbrechen, aber anders gefärbt und akzentuiert fortsetzen. Die vielen Feinheiten der 4. Sinfonie mit dem Beinamen „Italienische“ wurden spannungsreich, dynamisch, geschmeidig in den Übergängen und vom Tanzrhythmus inspiriert ausdrucksvoll und mitreißend wiedergegeben.
Außerhalb der künstlerischen Italien-Bilder spielte das sympathische Clair-Obscur-Saxophonquartett ein wenig bekanntes Konzert von Philip Glass. Vielleicht nicht so sehr die Musik unserer Tage, wohl aber die solistischen Fähigkeiten an den Blasinstrumenten animierten das Publikum zu langanhaltendem Applaus.
