OLDENBURG - Die Hornistin Marie Luise Neunecker und die Geigerin Elisabeth Kufferath waren hochrangige Solistinnen. Viel Wucht entfaltete die d-Moll-Sinfonie.
Von Horst Hollmann
OLDENBURG - Herausragende Solisten wurden zu Zeiten des Oldenburger Hofkapellmeisters Albert Dietrich von 1861 bis 1890 schon mal mit Lorbeerkränzen bedacht. Manchmal intonierte das Orchester für besondere Interpretationen auch einen Tusch. Dreimal hätte es einen solchen im vierten Sonderkonzert ins Große Haus schmettern können: für die Hornistin Marie Luise Neunecker, die Geigerin Elisabeth Kufferath und für sich selbst: für seinen Einsatz, unter Alexander Rumpfs Leitung das Werk Albert Dietrichs aus der Versenkung zu holen.Aber vor solchen Extravaganzen stand die Konzentration auf einen Rundfunkmitschnitt und eine CD-Aufzeichnung. Unter diesem Druck erreichte das Orchester vielleicht nicht unbedingt einen Spitzentag, aber zumindest einen sehr guten. Die zahlenmäßige Reduzierung der tiefen Streicher in den beiden Solokonzerten – nur drei Celli wie auch zu Zeiten von Dietrichs Wirken – gewährte große Durchsichtigkeit.
Dem Konzertstück F-Dur op. 27 für Horn und Orchester, einer reinen Romanze, blieb trotzdem der schwelgerische Klang erhalten. Und das Violinkonzert d-Moll op. 30 von 1874 entfaltete neben, unter und über den dankbaren und griffigen Solopassagen virtuose Wucht. Elisabeth Kufferath, aus der Musiker-Dynastie der Oldenburger und Bremer Kufferaths, fand einen wahrhaft beseelten Ton.
Das Violinkonzert und die abschließende Sinfonie d-Moll op. 20 von 1869 veranschaulichten über ihre gelungenen Darstellungen hinaus, weshalb der Hofkapellmeister damals zu den am meisten zwischen Breslau, Leipzig, Wien oder Rotterdam aufgeführten Komponisten zählte – aber auch, weshalb einst so gefeierte Werke in der Versenkung verschwanden. Das Violinkonzert bringt tief empfundene Melodien, eine vom berühmten Joseph Joachim angeregte geigerische Technik, den hübschen Einfall einer von Liegetönen und Einwürfen des Orchesters begleiteten Solokadenz und etliche Längen. Die gewichtige Sinfonie hat dramatische Wucht, im zweiten Trio des Scherzos fast einen Ohrwurm, aber auch die Ausstrahlung sehr handwerklicher Arbeit.
Für Johannes Brahms, der die Ratschläge des vertrauten Freundes Dietrich oft und nachdrücklich suchte, war der Oldenburger so weit weg vom Rang eines Konkurrenten wie alle Zeitgenossen. An das Format des großen Romantikers reichte vor Anton Bruckner am Ende des 19. Jahrhunderts wohl nur Felix Draeseke mit seiner „Symphonia tragica“ heran. In der Reihe dahinter indes zählt Dietrich nicht zu den schlechtesten, das machen die Ausgrabungen deutlich.
Die CD mit dem Konzertmitschnitt dürfte das Dokument eines ebenso liebevollen wie gewissenhaften Umgangs mit der Oldenburger Musik-Vergangenheit werden. Sie ist darüber hinaus die überfällige Aufzeichnung des höchst respektablen aktuellen Niveaus des Staatsorchesters. Rumpf lässt seine Musiker für eine angemessene Eigenverantwortung etwas weiter von der Leine: Nicht so weit wie der hochsensible Vor-Vorgänger Knut Mahlke, aber weiter als der disziplinierende direkte Vorgänger Reinhard Seifried. Die Musik in Oldenburg steckt damit voller Leben und voller Überraschungen.
