Oldenburg - Ihr Büro schräg gegenüber des Oldenburgischen Staatstheaters sieht Sophia Hübner im Moment selten – denn die 29-jährige Dramaturgieassistentin arbeitet, wie viele Menschen im Land, seit Wochen im Homeoffice.

Vom heimischen Schreibtisch hat Hübner nur sehr spärlich persönlichen Kontakt mit den Kollegen, das meiste läuft über Telefonate. Ihre tägliche Arbeit, die Recherche zu künftigen Stücken beispielsweise, liegt über die Krisen-Monate quasi brach. Nichts los auf der Bühne. Als Mitte März das Theater Pandemie-bedingt geschlossen wurde, musste auch Hübner sich erst mal orientieren. Der normale Spielbetrieb war nicht möglich, also „mussten wir uns inhaltlich überlegen, wie verändern wir das“. Und so öffneten sich (im übertragenden Sinne) Türen zu vielen anderen Gewerken: „Ich habe viel mehr mit Menschen aus verschiedensten Bereichen am Theater zusammengearbeitet“, sagt Hübner. Die Teams überlegten sich, „was können wir in kürzester Zeit auf die Beine stellen, um zu zeigen, im Theater passiert noch was“.

So entstand das Projekt „Call your Audience“, bei dem Sophia Hübner beteiligt war. Dabei wurde versucht, möglichst jeden Abonnenten des Staatstheaters einmal zu erreichen. Einfach, um zu sagen: „Wir sind noch da!“

Mitgestaltet hat Sophia Hübner auch das „Schauspiel an der Strippe“. Ein Projekt, bei dem Menschen die Schauspieler an bestimmten Tagen einfach anrufen können. Statt Recherche hieß es also, diese Projekte vorzubereiten: Welche Schauspieler möchten teilnehmen? Wer hat Lust, Abonnenten anzurufen? Welche Räume können dafür genutzt werden?

Kurz und knapp

Ihr Bachelorstudium „Kulturwissenschaft und Erziehungswissenschaften“ absolvierte Sophia Hübner in Vechta, den Master in „Kulturmanagement und Kulturpädagogik“ dann an der Hochschule Niederrhein. Seit 2019 ist sie Dramaturgieassistentin am Oldenburgischen Staatstheater.

Zu den Aufgaben eines Dramaturgen oder einer Dramaturgin gehört es u.a. Projekte zu initiieren oder Produktionen zu begleiten. Zudem sichten und bewerten sie Theatertexte und Opernstoffe, kommunizieren mit Verlagen und Autoren und geben bei Bedarf Übersetzungen, neue Stücktexte oder Kompositionen in Auftrag. In der Vorbereitung auf eine Produktion recherchieren sie auch Begleitmaterialien. Eine Dramaturgieassistentin unterstützt Dramaturgen bei dieser Arbeit.

„Es ist schon ein Sonderfall“, sagt die 29-Jährige. Sonst sei sie fast nur mit den Dramaturgen in Kontakt. Natürlich gebe es manchmal Überschneidungen, wenn man Absprachen treffen müsse. Aber ein solches Projekt wurde bislang nicht initiiert.

Und Stillstand? „Den gab es bei uns nicht“, sagt Hübner. „Ich würde schon sagen, dass viele Menschen aus ihrem Hamsterrad ein bisschen ,entflohen’ sind. Und auch wir sind langsamer gelaufen in unserem Rad – aber es hat sich immer bewegt.“ Die Teams mussten eben auf andere Weise kreative Formate und Projekte entwickeln. „Aber es war nie so, dass wir nichts zu tun hatten. Wir mussten präsent bleiben.“ So kamen Kreativität und Kunst nicht zum Erliegen.

Durch die Corona-Krise ist für die Dramaturgieassistentin eines besonders deutlich geworden: „Dass Kultur in dieser Zeit unterschätzt wird – und leider nicht systemrelevant ist.“ Dabei habe die Kultur viel mehr Einfluss, als ihr selbst bewusst ist. Und dass sie für die Menschen sehr viel wichtiger ist als gedacht: „Wenn Kultur wegbricht, was bleibt denn da noch? Was bleibt den Menschen noch in ihrem Alltag, um ihr Leben normal und schön zu gestalten?“, fragt Hübner. Viele Menschen hätten nachgefragt, wann das Theater endlich wieder öffnet, ob es nicht Alternativen zur Bühne gibt und ob die Stücke nicht einfach im Schlossgarten stattfinden könnten.

Bald wird das Rad im Staatstheater auch wieder schneller laufen – denn dann steht das Alternativprogramm auf dem Plan.

Tonia Hysky
Tonia Hysky Redaktion Kultur/Medien