OLDENBURG - Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei – mit dem Durchzählen der Schritte versucht so mancher Anfänger, tänzerische Klippen zu meistern. Denn Tanzen ist auch eine mentale Herausforderung, vor allem wenn es bedeutet, eine Stunde lang in äußerster Konzentration und Präzision eine Choreografie umzusetzen, die Bewegungsabfolgen in kleinste Sequenzen zerschnippelt und von elf Frauen und Männern absolut synchron erfolgen muss.
Schmerzende Waden
„Ein Marathon für Kopf und Körper“, sagt Cordelia Lange. Weil die Schritte pausenlos gezählt werden – mal von eins bis drei, drei bis sieben, bis fünf, wieder bis drei, auch bis acht und drüber, wieder von vorn. Die 24-jährige Tänzerin versucht, einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln, was sie in der Probenzeit bis in den Schlaf und in ihre Träume verfolgt hat.
Der Marathon trägt den Titel „Plafona“ und ist das aktuelle und erfolgreiche Tanzstück des Oldenburgischen Staatstheaters, choreografiert von Sharon Eyal und Gai Behar aus Israel. Es gehört zu den tänzerischen Höhepunkten der ausgehenden Spielzeit, eine ebenso anstrengende wie herausragende Arbeit, mit vielen isolierten Bewegungsfolgen zu schnellen, stampfenden Techno-Beats und oft auf halber Spitze getanzt. „Alle hatten Wadenschmerzen bis zum Gehtnichtmehr“, erzählt Tanzdirektor Honne Dohrmann. Zudem habe die Israelin bis zur letzten Sekunde geändert, auch in den Bewegungsabfolgen. „Ich wäre gestorben auf der Bühne.“
Die Mühe soll sich gelohnt haben: Das Stück wird auch in der nächsten Saison zu sehen sein und soll bei Gastspielen gezeigt werden. Das erste findet in Süddeutschland, im Burghof Lörrach, statt. Eine DVD, die dabei helfen soll, weitere Angebote zu bekommen, ist inzwischen fertig. Und ein Trailer auf Youtube hat bereits für Überraschungen gesorgt: „In den ersten drei Tagen hatten wir bereits 800 Besucher, so viele haben wir sonst allenfalls in sechs Monaten“, sagt Dohrmann.
Für Cordelia Lange, geboren in Bremerhaven und seit fast zwei Jahren Mitglied der Oldenburger Compagnie, ist „Plafona“ eine doppelte Herausforderung, weil die Choreografin ihr und Alessandra Corti in diesem perfekt abgestimmten Ensemblestück mehrere solistische Szenen zugedacht hat. Sich die Schrittfolgen zu merken, ist für sie keine Schwierigkeit mehr, weil sie vom Kopf längst in den Körper übergegangen sind. Hilfreich sei dabei die bildhafte Sprache der Israelin gewesen, erzählt sie, die den Tänzern beispielsweise aufgegeben hatte, sich beim Tanzen vorzustellen, „dass sich Gold in Kupfer verwandelt oder schwarzer Qualm aus dem Mund strömt“. Das habe die Arbeit „ganz klar gemacht“.
Erinnerung des Körpers
Dennoch kann es vorkommen, dass einer der Tänzer mal aus dem Takt gerät und rausfällt. Dann ist es Aufgabe der Gruppe, ihn aufzufangen, bis alle wieder synchron sind. „Das ist wie ein Orchester, das ohne Blatt spielt“, versucht Dohrmann eine Erklärung für etwas, das in seiner Präzision nur zu bewundern ist.
Die Choreografin wird in der nächsten Spielzeit wiederkommen, um zwei Tänzer einzuarbeiten. Für die beiden fängt der Marathon völlig neu an, für die anderen heißt es, die einstudierten Bewegungen wieder hervorzuholen. Cordelia Lange ist zuversichtlich, dass ihr das gelingen wird: „Der Körper hat ja auch eine Erinnerung.“ Selbst für Zahlen.
