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Stasi-Geschichte Ein Keiler mag keine Jäger

Horst Hollmann

OLDENBURG - Was er wirklich meint, erschließt sich oft erst nach dem zweiten und dritten Nachdenken. Oder gar nicht. Betrachter der Ausstellung von Peter Graf (73) aus Radebeul in Sachsen im Kulturspeicher Oldenburg bereitet das Entzücken. Die Staatssicherheit der früheren DDR dürfte die Vielschichtigkeit und Doppelbödigkeit hingegen in Ratlosigkeit gelenkt haben. Kunst und Künstler auf subversive Aussagen hin abzuklopfen, ist für Geheimdienste eine Schlingertour über Glatteis.

Eigene Stasi-Akte

„Bei Sommers brennt noch Licht“ hat der 1937 in Chemnitz geborene Graf die Werkschau genannt. So harmlos ist schon der Titel nicht. Von seinem Atelier aus blickte Graf zum Haus des Freundes Günther Sommer. Der Musiker wirkte, anders als Vorzeigestars wie Gisela May, im Untergrund. Schön, wenn noch Licht brannte. Dann war Günther nämlich noch da. . .

Seine eigene Stasi-Akte hat Graf künstlerisch auf drei Blättern persifliert. Die Spitzel hatten ihm den Decknamen „Keiler“ zugeordnet. Links vom Schreibmaschinentext hat er sich als Keiler selbst porträtiert. Rechts flüchtet eine Frau. „Lola rennt“, betitelt er die Szene. „AHA, der Keiler!!!“

Die aktenkundig beobachtete Situation vor 40 Jahren: „Zum letztgenannten Zeitpunkt verließen Eber und Ferkel das Fahrzeug und trafen vor diesem mit Sau und Keiler zusammen. Nach der Begrüßung bestiegen alle Personen das Fahrzeug von Eber, wobei Keiler auf dem Beifahrersitz und Sau und Ferkel auf dem Rücksitz Platz nahmen. Keiler trug eine kleine Tasche bei sich.“

Who was Who? Graf vermutet heute: „Mich hatte der damalige DDR-Korrespondent des ,Spiegel‘ besucht. Der kam wegen seiner Korpulenz zum Namen Eber. Seine Frau wurde logischerweise zu Sau. Stephan Hermlins Tochter war dann Ferkel. Und ich wurde in der Schweinefamilie eben Keiler.“

Zu Vermutungen, dass er seine Zeit der Stasi-Beobachtung künstlerisch damit aufarbeite, schüttelt Graf den Kopf: „Das ist zu hoch gehängt.“ Nicht umsonst habe das kleine Triptychon ja seinen Platz im kleinsten Raum des Kulturspeichers gefunden. Nur deshalb? Die Enge dieses Zimmers kontrastiert auffällig mit der Weite der anderen Ausstellungsräume.

Weil ihm die Linientreue fehlte, musste Graf sich 30 Jahre lang als Transportarbeiter und LKW-Fahrer durchschlagen. Um sich herum erlebte er Schlimmeres: „Da wurden Freunde jahrelang eingesperrt.“ Er selbst mag als renommierter Maler Schonung genossen haben. Bei Verkäufen im Westen schöpfte der Staat gute Devisen ab.

Bei aller Gelassenheit pendeln auch Grafs Gefühle: „Ich bin froh, dass ich mich nicht habe verbiegen lassen.“ Aber auch: „Man kriegt schon die Wut, wenn man erkennt, was man alles verpasst hat.“ Gelassenheit und Einsicht in menschliche Schwächen lassen ihn das Fazit ziehen: „Es bringt hinterher nichts mehr, mit der geballten Faust rumzulaufen.“

Frieden gefunden

So hat auch der Keiler Frieden gefunden. Auf einem Gemälde nimmt er Platz neben einem Harlekin, der ihm die Hand auf den Rücken legt; davor hocken Jäger in entspannter Runde mit aufgepflanzten Gewehren. Nein, nein, wehrt Graf ab. Das sei nichts Politisches. Er sei nicht der Keiler, sondern der schützende Harlekin. Er möge eben einfach keine Jäger. Da kommt sich der Betrachter plötzlich wie ein ratloser Stasi-Schnüffler vor: „Interessante Antwort. Aber was sagt er uns wirklich?“

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