OLDENBURG - Entweder hat die Redaktion des umfänglichen Programmheftes eine universelle Kennerschaft oder ein untrügliches Bauchgefühl. Jedenfalls hat sie eine Szene aus „Killer Pig“ von „Carte Blanche“ auf die Titelseite gehoben. Ein Volltreffer! Was diese norwegische National-Compagnie für zeitgenössischen Tanz in der bis auf die Galerien besetzten Halle 10 auf dem Fliegerhorst zelebriert, zählt zu den Gipfelleistungen der Internationalen Tanztage.

Zu perkussiven Klängen bis an die Schmerzgrenze treibt die israelische Choreografin Sharon Eyal sechs Tänzerinnen in einen 45-minütigen Kraftakt. Es sind dabei nicht nur rasende Gruppensequenzen oder prasselnde Bewegungskaskaden, die sie an Grenzen führen. Es sind die langsam verschlungenen Volten, die ruhig sich aufbauenden und weiter entwickelnden Körperbilder, die bis ans Ende der Konzentration reichen. Wenn eine Akteurin sich auf die Spitze des einen Beines stellt und das andere zum Spagat in den Bühnenhimmel reckt, dann ist das so lockerer Standard wie die gesamte Präzision.

„Killer Pig“ entwirft keine Geschichte. Es präsentiert den weiblichen Körper aus vielschichtigen Perspektiven, fasziniert mit Blicken aus unterschiedlichsten Winkeln bis zur Verfremdung. Bei Pirouetten, Posen, Läufen, Arabesken, Drehungen und Hebungen fließen abgetrennte Einheiten immer wieder zum empfindlichen Gesamtkunstwerk zusammen. Selbst bei Soli füllt es die riesige Bühne aus. Man ahnt und entschlüsselt Metaphern, Synonyme und Andeutungen, ohne dass man sie in Worte fassen könnte. Das wahrt pausenlos eine höchste Spannung zwischen Vereinnahmung und Distanz.

Dagegen kommt selbst die furiose „Iceland Dance Company“ mit ihrer „Großstadtsafari“ schwer an. Ihr urbanes Getümmel kulminiert in klar gegliederten Sequenzen, in denen Choreograf Jo Strömgren genau abpasst, wann die Stimmungen ausgereizt sind. So entwickelt sich der Kampf zwischen Individualität und Masse energiegeladen, ideenreich, effektvoll, tänzerisch hochkarätig, kurzweilig – aber auch etwas kurzatmig. Dem Geschehen fehlt eine Spur Faszinosum und Persönlichkeit, hinter Bühnennebel verbirgt sich zu wenig Unergründliches.

In Konkurrenz zu diesen großen Formaten muss Vanilton Lakka mit seinen Mitstreitern in der Exerzierhalle nicht treten. Ihre Frage: „Is the body der media of dance?“ lassen die Brasilianer im Flirt mit dem Publikum beantworten. Hip-Hop und Breakdance sind ihre Grundlagen, Bewegungen bis fast zum Stillstand zu verlangsamen oder sie gar einzufrieren ist ihre persönliche Note.

Und am Ende verdeutlichen sie sogar, warum die Tanztage eine ganze Stadt wie Oldenburg in ihren Bann schlagen. Ein knappes Dutzend Zuschauer lassen die Brasilianer mit durch ein Spinnennetz turnen. Und – aber hallo, die können das höchst elegant!