OLDENBURG - Hält die das auch aus? Die Jubiläumstanztage haben die Halle 10 auf dem Oldenburger Fliegerhorst schon mehrfach erbeben lassen. Und immer schien es, als wäre die Begeisterung des Publikums nun nicht mehr steigerungsfähig. Da war noch nicht das Nederlands Dans Theater aufgetreten. Ausverkauft war das NDT-Gastspiel schon seit Monaten, 2000 Kartenwünsche blieben unerfüllt, selbst vor der Tür warteten noch Verzweifelte. Die Niederländer, schon beim ersten Festival 1993 vertreten, kamen diesmal mit ihrem genialen Nachwuchs.
Den Abend ließ das Ensemble aus 15 Tänzern in der Choreografie von Fernando Hernando Magadan verspielt angehen, etwas pompös und barock, zur Musik von Vivaldi und Händel. Ein Vexierspiel zwischen Realität und Fantasie, gesteuert von mannshohen, mit roten Samtvorhängen verkleideten Kästen, wie sie für manche Zaubertricks benötigt werden.
Und genau das ist diese verschlüsselte Liebeserklärung an die knarzende Theatermaschine: ein Zauber, federleicht und witzig. Im Kontrast dazu das siebenminütige „Solo“ von Hans van Manen, das er zu Bachs Violinsuite auf drei energiegeladene Tänzer verteilt hat: von atemberaubender Perfektion, aber auch etwas seelenlos.
Grüblerischer, doch nicht weniger virtuos ist „Flesh“ zur dramatisch-ernsten Musik von Arvo Pärt. Iván Pérez lässt seine Tänzer in ihren fleischfarbenen Kostümen ausdrucksstark ein Gedicht illustrieren. Nach der Pause dann der Höhepunkt: „Minus 16“ von Ohad Naharin. 15 entfesselte Tänzer, die zu einer Musik zwischen Mambo und traditionellen israelischen Klängen pure, überschäumende Bewegungsfreude demonstrieren, sich Zuschauer aus dem Saal klauben und selbst im tobenden Saal und bei stehenden Ovationen immer weitertanzen.
Die „Wirbelsäule“ der Tanztage sei das NDT, hatte Festivalleiter Honne Dohrmann eingangs gesagt. Wohl eher das schlagende Herz.
Ein fesselndes Tanzerlebnis bot sich am selben Abend auch im kleineren Rahmen in der Exerzierhalle: Eine Frau im schwarzen Kleid schnippt mit dem Finger. Sofort tauchen die vier Scheinwerfer die Bühne in der Exerzierhalle in grelles Licht. Ihr Partner schaut mit stechendem Blick ins Publikum, dann bewegt er sich. Mal zackig wie ein Roboter, mal gelenkig wie ein Breakdancer.
Rastlos und kraftvoll, aber auch einsam und isoliert. Er wirkt unnahbar. „I solo ment“ ist ein Tanzstück für zwei Personen, ein Duett, doch Cecilia Moisio und Dario Tortorelli belauern sich als Solisten. Zwei leidenschaftliche Individuen, die fast die ganze Zeit auf Distanz bleiben. Sie tanzen, berühren sich dabei aber fast überhaupt nicht. Die niederländisch-flämische Choreografin Ann van den Broek hat sich in dem einstündigen Stück von 2008 einem intimen Thema gewidmet: dem Tod ihres Bruders Tom.
Einige seiner Fotos werden gezeigt. Es geht um Gefühle wie Trauer, Sehnsucht, Liebe und Verzagtheit. Die Gesten Moisios drücken die Qualen der Frau aus. Sie ist hin- und hergerissen, bewundert den entrückten Partner, versteht ihn aber oft nicht. Ihren Zwiespalt verstärken monotone Klänge, beklemmend und verstörend zugleich. Fast alles wirkt unterkühlt. Schließlich dreht die Musik auf, beide tanzen wie entfesselt synchron, doch wieder endet die Passage abrupt.
Die Liebe zwischen ihnen ist eben kompliziert und wie alles auf der Welt vergänglich. Das Doppelsolo geht zu Ende: Ein letzter Blick, dann knipst die Frau die Scheinwerfer aus.
