Oldenburg - Es ist nicht mehr viel übrig von der Welt des Kindes: vom Leben im Augenblick, vom Sich-Verlieren im Spiel, vom vollkommenen Aufgehen im Moment, vom Kairos, der Zeitqualität, in der Augenblick und Ewigkeit miteinander verschmelzen.

Jedenfalls in den Augen der Choreografin Alessandra Corti – als Gast aus Mainz für diese Produktion nach Oldenburg eingeladen – leben die Kinder, eher die Jugendlichen schon ganz im einengenden Chronos-Takt der modernen Gesellschaft. Sie tanzen, wippen, springen zum Techno-Beat der eigens für das Stück „Apartment 7A“ von Anton Berman komponierten Musik.

Das Kinderleben in diesem Appartement 7A – einer Art modernem Nimmerland, in Anlehnung an die Insel der Träume im berühmten Kinderbuch „Peter Pan“ – entpuppt sich nicht als Traum, sondern eher als Albtraum. Es scheint so, als ob die Kinder von heute durch den allseits gängigen – und hier immer wieder lustvoll vorgetragenen – Technik- und Medienkonsum geradezu angetrieben werden, ihr persönliches Traumland zu verlassen, ihren Kairos-Moment zu verpassen. Sie überlassen sich freiwillig dem Diktat der Zeit und üben – angefeuert von den Techno-Beats – schon mal und unbemerkt das marionettenhafte Funktionieren ein. Es fehlt in diesem Tanzstück eine nachvollziehbare Aussage der Regie/Choreografie zu dieser Thematik.

Obwohl die Choreografin zunächst mit witzigen Ideen, wie einer sprechenden Lampe, überraschen kann und sie jedem der vier Tänzer einen eigenen Charakter zu geben vermag, ist dieses für Kinder ab 9 Jahre konzipierte Tanztheater von den Jüngsten sicher nicht leicht zu verstehen. Zu fragmentarisch die angespielten Szenen, zu aktionistisch die Choreografie, die sich willig von der Musik vorantreiben lässt – unerbittlich zeigt sich Chronos hier. Es gibt kaum Raum für poetische Momente, in die zuschauende Kinder eintauchen könnten.

Apartment 7A – Tanztheater ab 9

Das gab’s: „Apartment 7A“ – Uraufführung von Alessandra Corti, Tanztheater ab 9 Jahre; Musik: Anton Berman; Tänzer: Seu Kim, Vincent Tapia, Teele Ude und Francesco Fasano

So war’s: Eine Aufführung eher für Heranwachsende als für Kinder, die im Theater etwas erleben und eine Identifikationsmöglichkeit in einer nachvollziehbaren Aufführung wollen.

Weitere Termine: 18. und 20. September, 4./10./18. und 29. Oktober. Tickets:

Am ehesten noch in einigen kurzen Soli, in denen die dargestellten Kinder im Stück charakterisiert werden. Hier gelingt es Vincent Tapia mit der altmodisch anmutenden Liebe zu seinem Teddybären – ein echtes Steiff-Tier – besonders zu berühren.

Wer sonst, als die Künstler könnten den heutigen Kindern einen Kairos-Moment schenken, sie mitnehmen auf eine poetische Reise in das Land der Fantasie? Stattdessen wollen die Kinder in „Apartment 7A“ feiern, flegeln und jede Menge Pizza essen. Sieht so der Traum der Jugend in diesen Zeiten aus?

Die hochmotivierten Tänzer der Ballett-Compagnie Oldenburg bewegen sich virtuos und betanzen das kunterbunte Mobiliar des Appartements mit bravourösen, akrobatischen Aktionen. Auch mit Mut und Witz, wenn Teele Ude mit zwei dicken Luftballons unterm T-Shirt ihr Erwachsensein simuliert. Oder wenn sie mit dem Zauberstab – wie die Fee Tinkerbell bei Peter Pan – einen Jungen in ein Mädchen verwandelt, der urkomisch und fast androgyn wirkend von Seu Kim dargestellt wird.

Einen ständigen „Happy Birthday-Traum“ verfolgt mit rasanten Sprüngen und Grooves Francesco Fasano.

Nur die sprechende Stehlampe kann einem am Ende leid tun, denn: nicht alle Wünsche gehen in diesem „Apartment 7A“ in Erfüllung! Erst wünscht sie sich auch eine tolle Geburtstags-Party, zu der sie alle Lampen und Kronleuchter der Umgebung einladen möchte, dann einen großen Geburtstagskuchen, eine kleine Taschenlampe als Geschenk und dann… – ja, und dann ist es Schluss mit dem Wünschen, denn der kleine Junge winkt müde ab. Sichtlich erschöpft von all den Ereignissen landet er zum Schluss auf dem Sofa und probiert es ganz einfach mal mit der Kommunikation mit dem gerade geschenkten Teddy. Wie war das noch mit der Fantasie?