OLDENBURG - Envy, eldest born of hell, cease in human breasts to dwell, ever at all good repining, still the happy undermining!, singt der Chor in Händels Oratorium Saul, das am 20. Mai auf dem Oldenburger Fliegerhorst Premiere hat. Ohne Übertitel würde der altenglische Text unverstanden im Zuschauerraum verhallen. Stattdessen bekommt das Publikum auf einem langen Monitor über der Bühne die Übersetzung präsentiert: Neid! Ausgeburt der Hölle! Weiche aus den Herzen der Menschen. Du zerstörst alles Gute, selbst das Glück der Zufriedenen.
Auf den Punkt genau
Die meisten Zuschauer machen sich keine Gedanken darüber, wie die Übertitel auf den Monitor kommen. Viele glauben, dass eine Maschine mitläuft, sagt Katharina Ortmann, Musikdramaturgin am Staatstheater. Kaum jemandem sei bewusst, dass ein Mensch dahinterstecke und keine vollautomatische Maschine. Einer dieser Menschen an der Oldenburger Oper ist die 23-jährige Janina Raguse. Im Wechsel mit drei Kollegen sorgt die Übertexterin dafür, dass das Publikum jede fremdsprachige Oper inhaltlich mitverfolgen kann.
Dabei versuche ich immer so zu schalten, dass der Text genau beim ersten Gesangston eingeblendet wird, erklärt Raguse. Damit diese Synchronizität gelingt, liest sie während der Vorstellung den Klavierauszug mit. Darin sind der Gesang und die wichtigsten Orchesterstimmen zusammengefasst und handschriftlich die Nummern der Übertitel eingetragen. Das können je nach Stücklänge 250 bis 1000 Einblendungen pro Oper sein. Mit Hilfe einer speziellen Software erscheint der Text auf Monitoren über dem oberen Bühnenrand.
Im Großen Haus des Staatstheaters haben die Übertexter ihren Arbeitsplatz in einer offenen Seitenloge im zweiten Rang. Das Bühnengeschehen können sie von dort nicht mitverfolgen, aber die Augen sind ohnehin konzentriert auf die Noten gerichtet, immer eine Hand an der Computertastatur, um im richtigen Moment die Taste für die nächste Texteinblendung zu drücken. Der Zuschauer verlässt sich auf die Übertitel, meint Katharina Ortmann. Früher habe er sich vor der Vorstellung noch die Handlung im Opernführer durchlesen müssen, um das Stück zumindest im Groben nachvollziehen zu können. Heute hat sich das Publikum an das Vorhandensein der Übertitel gewöhnt. Es erwartet, alles zu verstehen, fügt die Dramaturgin hinzu. Durch die Übertexte habe das Wort in der Oper den gleichen Stellenwert erlangt wie die Musik und die Bühneninszenierung.
Mit einem Blick erfassen
Je komplexer eine Inszenierung ist, desto stärker sind die Zuschauer auf eine gute Übertitelung angewiesen. Wir versuchen zu aktualisieren und dabei nichts zu verfälschen, beschreibt Ortmann die Übersetzungstätigkeit der Dramaturgie. Die 31-jährige Musikwissenschaftlerin steckt rund eine Woche Arbeit in jede Übersetzung. Dazu gehört die Einrichtung des Klavierauszugs. Anhand von musikalischen Phrasierungen wählt sie für den Zuschauer hörbare Zäsuren aus, damit dieser erkennt, wann er den Blick für einen neuen Übertitel nach oben richten muss. Maximal zwei Zeilen dürfen auf einer Texteinblendung stehen. Wir wollen eine knappe Information geben, die man möglichst schnell mit einem Blick erfassen kann, erklärt Ortmann die Vorgehensweise.
Ob Übertexterin Janina Raguse Angst hat, irgendwann doch durch eine Maschine ersetzt zu werden? Nein, das könne nicht passieren. Wenn die Sänger manchmal Texte auslassen oder falsch singen, kann ich mitdenken und schnell reagieren. Dazu sei eine Maschine nicht in der Lage. Außerdem hat jeder Abend ein anderes Tempo, ergänzt Katharina Ortmann ihre Kollegin, auch ein und derselbe Dirigent dirigiert eine Oper nie völlig gleich.
