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Theater Musikalische Schnitzeljagd

Regina Jerichow

OLDENBURG - Schwere Entscheidung – nach rechts oder nach links? Schilder informieren den Besucher, dass in der am Abend schon fast verlassenen Tiefgarage der Heiligengeisthöfe die Straßenverkehrsordnung gilt, doch Autos fahren hier im Moment nicht. Dafür erklingt irgendwo hinter den kahlen Wänden laute Musik, die mit Sicherheit nicht aus einem Autoradio kommt. Nach langem Suchen dann die Lösung: Hinter einer großen Stahltür sitzen Musiker des Oldenburgischen Staatsorchesters und proben für die nächste Premiere.

Der ungewöhnliche Ort sei schon eine Herausforderung, sagt Dramaturg Sebastian Hanusa. Die warme Luft, die einem unerwartet ins Gesicht schlägt, ist dem Tarifvertrag geschuldet, denn Holzbläser benötigen eine bestimmte, konstante Raumtemperatur. Um sie in der Tiefgarage zu gewährleisten, musste eine Heizung aufgestellt werden – nicht drinnen, sondern oben auf der Straße. Mit Hilfe von drei riesigen Rohren wird sie durch diverse Schächte in die Tiefe geleitet.

Zum Schluss in der NWZ

Ebenso außergewöhnlich wie der Ort ist das gesamte Projekt des Wiener Künstlerduos „wechselstrom“ (Renate Pittroff/Christoph Theiler), das für das Staatstheater und sein PAZZ-Festival ein experimentelles Auftragswerk geschaffen hat. Hinter dem kryptischen Titel „Re-Entry – Trip to decision“ verbirgt sich eine Performance, die den Zuschauer immer wieder vor die Wahl stellt und ihm schwere Entscheidungen abverlangt: Sind Sie arm oder reich? (Die Antwort wirkt sich auf den Eintrittspreis aus). Leistungsträger oder -empfänger? „Hotelroute“ oder „Gefahrenroute?“ Je nachdem, wie er sich entscheidet, wird er einer Gruppe zugeordnet und erlebt die Musiktheaterszenen und Klanginstallationen an einem anderen Spielort – in zwei Möbelhäusern, einer Eckkneipe, einem Friseurgeschäft oder eben in der Tiefgarage.

Dadurch ergeben sich mehrere Gruppen, die parallel verschiedene Teile der Aufführung erleben. Niemand kann die komplette Aufführung verfolgen, sondern immer nur jenen Teil, der auf seinem persönlichen Weg liegt. Am Ende kommen alle wieder zusammen und zwar im 7. Stock der

NWZ

 , der letzten Station, auf der ein schräges „Bankett“ stattfindet und das „ultimative Wiener Schnitzel“ verkostet wird.

Raus aus dem Theater

Weshalb ultimativ, sollte besser nicht verraten werden, denn das Projekt lebt von diversen Überraschungsmomenten. Das provokante Künstlerduo wagt sich gern an Experimente und ethische Tabuthemen, lässt sich aber stets überraschende Lösungen einfallen. Dabei wird in diesem „Musiktheater der Entscheidungen“ auch eine Aktion verarbeitet, die sich der Komponist Christoph Theiler im Mozartjahr 2006 ausgedacht hatte: Unter seinem eigenen Namen schickte er sieben jener berühmten „Bettelbriefe“, die das Musikgenie (1756–1791) einst an potenzielle Förderer schrieb, an die jeweils 100 reichsten Menschen Deutschlands und Österreichs. 17 Euro habe er erhalten, erzählt er grinsend. Nur zwei der Adressaten hätten das Spiel durchschaut. Die Ergebnisse hat Theiler nun in den Dialogen verarbeitet.

Wenn die Oper als Form überleben wolle, sagt der Deutsche, der seit 25 Jahren in Wien lebt, müsse sie raus aus dem Theater. Und zum Beispiel rein in eine Tiefgarage. Mit Spannung verfolgen er und Regisseurin Renate Pitt­roff die Probe. Unterdessen werden zwei Sofas hereingeschleppt, auf denen später die Zuschauer sitzen sollen. Wohin damit? Nach hinten links? Klar, diese Entscheidung fällt leicht.

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