OLDENBURG - Midge Ure spielte in vielen Bands. Zurzeit ist er allein unterwegs – mit Hits von früher und von seiner nicht mehr ganz so neuen CD „Move me“ (2001).
Von Karsten Krogmann
OLDENBURG - Eigentlich müsste jetzt das Schlagzeug einsetzen. Die Becken müssten tüchtig scheppern und den Bassisten erschrecken, und der Gitarrist müsste ganz schnell seinen Verzerrer einschalten, damit er nicht auf der Strecke bleibt in all dem Bass- und Schlagzeuggetöse.Midge Ure nimmt Haltung an. Hier gibt es keine Becken und keinen Bassisten, es gibt hier nicht einmal einen Verzerrer. Also wirft er stolz den Kopf in den Nacken und drückt seine Finger fester um den Hals seiner Westerngitarre. Und dann steigt seine Stimme hoch und immer höher, sie singt „Beneath A Spielberg Sky“, und wer braucht schon Bass und Schlagzeug, wenn er so eine wunderbare Melodie hat.
Midge Ure, 53 Jahre alt, spielte in der Band Thin Lizzy. Er spielte auch in der Band Visage und vor allem in der Band Ultravox, und jetzt steht der Schotte allein mit seiner schwarzen Gitarre auf der Bühne im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters. Hinter ihm hängt ein schwarzer Vorhang, davor steht eine schwarze Lautsprecherbox, der Rest ist schwarze Leere und eine volle Stimme.
Die klingt immer so, als gelte es, einen schottischen Fußballverein anzufeuern oder ein Thronjubiläum zu feiern. „Vienna“ hat diese Stimme in die Chats gesungen und „Dancing With Tears In My Eyes“, und diese Songs singt Ure auch im Staatstheater. In den Diskotheken klopfte dazu damals der Drumcomputer. Heute klopft dazu bloß der Fuß von Midge Ure, aber das macht nichts: Die 300 Zuhörer schwelgen in heimeliger 80er-Jahre-Nostalgie. Midge singt „Fade To Grey“ und „If I Was“, das Publikum jubelt. „Ihr klatscht so toll“, freut sich der Sänger: „Was würdet ihr erst machen, wenn ich ein Schlagzeug dabei hätte?“
Antwort: viel lauter klatschen! Denn leider hat Midge Ure nicht nur Gassenhauer geschrieben, sondern auch ein paar Ladenhüter; seine Gitarre quietscht zudem fürchterlich. Da wünscht man sich mitunter dann doch eine Band, und sei es die von Sänger Mark Bennett aus dem Vorprogramm: Die hieß Martin und spielte Bass.
Doch Midge Ure bleibt allein vor dem schwarzen Vorhang und spielt tapfer sein „sehr persönliches“ Programm. Er ehrt seinen toten Freund Phil Lynott von Thin Lizzy allein mit einer Ballade, covert allein David Bowies „The Man Who Sold The World“, singt allein Tom Rushs vergessenes „No Regrets“. Beizeiten werden die Theatersessel unbequem.
Am Ende singt Midge Ure „Hymn“, diese wunderbare Melodie von Ultravox, die ihren Titel mit Recht trägt. Er wirft stolz den Kopf in den Nacken, seine Stimme steigt hoch und immer höher, und eigentlich müssten jetzt der Bass und ein Synthesizer einsetzen, tun sie aber nicht. Also singt Midge noch ein bisschen thronjubiläumsmäßiger als sonst, und das haben wir nun davon: „Verdammt“, klagt ein Mittvierziger nach dem langen Schlussapplaus, „das Lied hör‘ ich jetzt wieder die ganze Nacht!“
